Wadephul auf Instagram: Außenpolitik mal anders erklärt
Wadephul auf Instagram: Außenpolitik mal anders erklärt

New York/Berlin. Der Außenminister hat bei Instagram Hunderttausende Follower. Mal gibt Johann Wadephul den Erklärbär, gelegentlich wird es klamaukig. Was ist da los? Von Madeleine Janssen, Head of Foreign Desk.

Ein Münzwurf als Symbol

Johann Wadephul steht im Regierungsflieger und wirft eine Münze. Es ist eine 1-Euro-Münze, die als Anschauungsmaterial dient. „Auf dieser 1-Euro-Münze fehlen ein paar Länder, und das wollen wir ändern“, sagt Wadephul und flippt die Münze. Das Geldstück fliegt, kommt vor der Kamera zum Stehen, die Europakarte auf der Münze ist genau zu erkennen – ein visueller Trick. Er führt den Außenminister direkt zu seinem Thema: Die Länder des Westbalkans befinden sich im EU-Beitrittsprozess, und dabei soll es nach Meinung Wadephuls jetzt endlich vorangehen. Es ist ein langwieriges Verfahren mit zahlreichen Hürden, Vorgaben und Angleichungen. Johann Wadephul weiß das und bricht es für seine Instagram-Zuschauer herunter.

Im Video aus dem Regierungs-Airbus beschreibt er die Bedeutung einer Westbalkan-Konferenz in Belfast, von der er gerade zurückgekehrt war. Die Staats- und Regierungschefs von Albanien, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, Bosnien und Herzegowina erscheinen mit schnellen Schnitten im Bild. Bei jedem werden die Flaggen ihrer Länder zusammen mit der EU-Flagge eingeblendet, jeweils verbunden mit einem Handschüttel-Emoji. Im Text zum Video heißt es: „Gerade in einer Zeit, in der Desinformation zunimmt und Akteure wie Russland und China versuchen, Einfluss zu gewinnen, ist klar: Die Menschen in den Staaten des Westlichen Balkans dürfen das Vertrauen in eine europäische Zukunft nicht verlieren.“

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Wadephul bei Instagram: Mehr als der nüchterne Erklärbär

311.000 Instagram-Nutzern gefällt das Video. Es ist einer der erfolgreichsten Beiträge des Accounts „@aussenminister“. Auf Instagram folgen ihm 348.000 Menschen, bei Tiktok sind es 167.000. Man könnte sagen, dass der 63-Jährige ein Social-Media-Star ist. Politikern von Union, SPD und Co. wurde oft vorgeworfen, sie hätten die Plattformen verschlafen und der AfD zu lange das Feld überlassen. An Johann Wadephul sieht man: Die demokratischen Parteien ziehen allmählich nach. Nach dem Bundeskanzler (763.000 Follower bei Instagram) ist der Außenminister das erfolgreichste Kabinettsmitglied in den sozialen Netzwerken.

Er versucht sich an einer Mischung aus nüchternem Außenpolitik-Erklärbär und spaßigem Content. „Wir konkurrieren ja gegen Katzenvideos“, sagt einer, der es wissen muss. Die Bewerbung Deutschlands um einen nicht ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat begleitete der Account mit mehreren Videos, die hervorheben sollten, wie wichtig der Posten für die Bundesrepublik ist. Als Deutschland Anfang Juni scheiterte, wurde dies national wie international als Blamage aufgefasst.

Debakel für Außenkanzler Merz: Sieben Gründe für die deutsche UN-Pleite

Außenminister Wadephul bei Social Media: „Guter Content, sehr informativ“. Wadephul und sein Social-Team gingen darauf ein: Nach der Abstimmung in der UN-Vollversammlung posteten sie ein Video in Schwarz-Weiß, in dem es darum geht, dass nicht immer alles eitel Sonnenschein sei und man manchmal hart getroffen werde. Wadephul und sein Team machen lange Gesichter. Es ist ein ehrlicher Umgang mit der Enttäuschung. Doch es gehe darum, sich nicht unterkriegen zu lassen, heißt es – dann wechselt das Video in Farbe, Zusammenschnitte von Wadephuls Treffen mit Politikerinnen, Präsidenten, im Flugzeug und mit Otto Normalbürger in anderen Ländern. „Wir machen weiter!“, heißt es in der Videobeschreibung.

Wadephuls Auftritt kommt bei vielen Followern gut an. „Danke für die ehrlichen Einblicke, es gelingt nicht allen Politikerinnen, so authentisch und offen über sich zu reden“, schreibt ein User. Ein anderer: „Guter Content, sehr informativ. Danke.“ Und ein anderer wünscht sich „Moin an die Macht“. Der gebürtige Husumer kokettiert ständig mit seiner Herkunft. Wo immer er im Ausland unterwegs ist, begrüßt er sein Publikum mit „Moin! That’s how we say hello in Schleswig-Holstein.“

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Wadephul: Format über Kreml-Lügen ist besonders beliebt

In den Videos gelingt immer wieder ein Kontrast zwischen der staatstragenden Rolle des Ministers und überraschenden Social-Media-Formaten. Eines der beliebtesten ist die Rubrik „Ist russische Desinformation immer noch so verrückt?“. Darin tritt Wadephul mit einem internationalen Amtskollegen auf, ein absurdes Statement aus dem russischen Staatsfernsehen wird eingeblendet und gleich danach die Faktenlage – etwa dass Russland die selbst verkündete Waffenruhe zu Ostern gleich 2229-mal gebrochen habe. Am Ende sagen beide Außenminister trocken „Ja!“ in die Kamera. Das Format entzaubert die russischen Lügen und zeigt damit gleichzeitig, dass das Auswärtige Amt (AA) sie ernst nimmt.

Wadephuls Account wirkt lebendig durch viele schnelle Schnitte, das Team experimentiert regelmäßig mit KI-generierten Bildern. In einem Video blickt Wadephul darauf zurück, wie Friedrich Merz ihn gefragt hat, ob er das Amt des Außenministers übernehmen würde. Im Graphic-Novel-Stil wird die Rückblende illustriert, ein Comic-Wadephul trifft auf Comic-Merz, dazwischen hält der neue Außenminister Insta-typisch das kleine Mikro in der Hand und erzählt, wie er die Szene erlebt hat.

Politik-Berater: Wadephul bleibt „als Person bei sich“

„Wadephul nimmt die (nicht nur jungen) Bürger:innen ernst, greift ihre Themen auf, nimmt sie exklusiv mit in seine Arbeit und bleibt dabei aber extrem authentisch, nicht gekünstelt, und ist damit sehr nahbar“, sagte der Hamburger Politikberater Martin Fuchs unserer Redaktion. Er betreibe eine „unkonventionelle digitale Kommunikation“, mit der er sichtbar geworden sei, und das bei dem „schmalen Grat zwischen Cringe und Notwendigkeit, die Plattformlogiken zu bedienen“.

Fuchs fungierte bis vor Kurzem als Berater für die Weiterbildung der AA-Diplomaten, beriet aber nicht den Außenminister. Dass der Account so gut ankommt, liegt nach Fuchs’ Einschätzung wesentlich an der Person des 63-Jährigen. „Menschen möchten Menschen zuhören, nicht Institutionen. Er versucht nicht, cool und hip zu sein, er bleibt als Person bei sich, hat aber die Fähigkeit, sich nicht zu ernst zu nehmen.“

Wadephul-Account bei Instagram: Klamauk steht nicht im Vordergrund

Der Außenminister geht offen damit um, dass der Job auch anstrengend ist, blättert manchmal in aller Früh Akten durch, äußert Besorgnis über die Konflikte auf der Welt. Man sieht ihm seine Gefühle an – auch wenn er bisher nicht im Amt geweint hat, so wie es seiner Vorgängerin Annalena Baerbock mehrmals passiert ist. Intern, so Martin Fuchs, gebe es im AA wohl auch Kritik am Stil der Social-Accounts. Doch sie seien „weiterhin sehr seriös geführt, und Inhalte stehen weiter klar im Fokus, nicht der Klamauk“, urteilt der Berater. Bei mächtigen Gegnern wie KI-Bots aus Russland, die auf Knopfdruck eine Fake-News-Kampagne in deutschen Netzwerken lostreten können, erscheint das die beste Wahl.