Ein Jahrzehnt nach dem versuchten Staatsstreich in der Türkei ist die Armee entmachtet. Heute liegt das Sicherheitsrisiko weniger beim Militär und vielmehr im Machtapparat Erdoğans, sagt Sicherheitsexperte Peter Neumann. Der klassische Militärputsch sei heute deutlich unwahrscheinlicher als damals. Denn Erdoğan habe aus dem Schock von 2016 die wohl wichtigste Lehre seiner politischen Karriere gezogen: Er hat die türkischen Streitkräfte systematisch „putschfest“ gemacht.
Die Entmachtung der Armee
Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 leitete die türkische Regierung eine umfassende Säuberungswelle ein. Zehntausende Soldaten wurden entlassen, verhaftet oder vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Die Führungsstruktur der Streitkräfte wurde grundlegend umgebaut. Wichtigster Schritt war die Unterstellung der Militärgerichtsbarkeit unter zivile Gerichte und die faktische Abschaffung der militärischen Autonomie. Heute kontrolliert das Präsidialamt sämtliche Beförderungen und strategischen Entscheidungen.
Neue Risiken im Machtapparat
Doch die neue Stabilität hat ihren Preis. Laut Neumann verlagerte sich das Sicherheitsrisiko vom Militär auf den inneren Machtapparat. Die Konzentration der Macht in den Händen Erdoğans und seines engsten Kreises schaffe neue Anfälligkeiten. Interne Machtkämpfe, Korruption und die Unterdrückung politischer Opposition könnten langfristig destabilisierend wirken. „Das größte Risiko für die Stabilität der Türkei geht heute nicht von der Armee aus, sondern von der Zentralisierung der Macht“, so Neumann in einer Analyse.
Ein Vergleich mit 2016
Der Putschversuch von 2016 wurde von einer Fraktion innerhalb des Militärs organisiert, die dem Netzwerk des Predigers Fethullah Gülen nahestand. Damals waren Panzer auf den Straßen Istanbuls und Kampfjets flogen tief über Ankara. Heute wäre ein solcher Aufstand kaum noch denkbar, da die militärischen Strukturen, die solche Aktionen ermöglichten, zerschlagen wurden. Allerdings, so Neumann, könne ein Putsch auch von anderen Gruppen ausgehen – etwa von Teilen der Polizei oder des Geheimdienstes, aber auch von zivilen Milizen.
Internationale Perspektive
Die internationale Gemeinschaft verfolgt die Entwicklungen in der Türkei mit Sorge. Während die EU die Maßnahmen gegen die Armee als übertrieben kritisiert, lobt Russland die Stabilität unter Erdoğan. Neumann betont, dass die Türkei geopolitisch zu wichtig sei, um isoliert zu werden. Dennoch bleibe das Land ein Unsicherheitsfaktor, solange die Macht nicht institutionell abgesichert sei. „Ein Putsch von oben – also ein Staatsstreich durch den Präsidenten selbst – ist nicht ausgeschlossen“, warnt der Experte.
Fazit
Zehn Jahre nach dem gescheiterten Putsch hat Erdoğan sein Ziel erreicht: Die Armee ist keine Bedrohung mehr. Doch die neue Ordnung birgt eigene Risiken. Die Zukunft der Türkei hängt davon ab, ob es gelingt, die Macht zu teilen und rechtsstaatliche Prinzipien zu stärken. Andernfalls könnte das Land in eine neue Krise schlittern – diesmal nicht durch Panzer, sondern durch die Konzentration der Macht in einer Hand.



