Haidhausen: Armut am Orleansplatz mitten im reichen München
Armut am Orleansplatz: Penner in Haidhausen

Der Orleansplatz in München-Haidhausen ist ein Ort der Gegensätze. Tagsüber sitzen Menschen auf den roten Bänken, nachts schlafen einige in leer stehenden Gebäuden oder auf der Straße. Mitten im wohlhabenden Stadtteil Haidhausen, wo die Mietpreise zu den höchsten Münchens zählen, stranden Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben.

Teemu: Vom Flixbus zur Kunstakademie

Teemu sitzt auf der vierten Bank von rechts. Es ist 8.30 Uhr, noch kalt, aber in dem asbestverseuchten Leerstand, in dem er schläft, ist es auch nicht wärmer. Der 35-jährige Finne trägt einen orangen Hut mit Federn. Nach dem Tod seiner Mutter vor drei Jahren verfiel er in Depressionen, Alkohol und Benzodiazepine. Er verlor Job und Haus, setzte sich in einen Flixbus und landete in München. Seit sechs Wochen ist er clean, zeichnet täglich und träumt von der Kunstakademie. Ein Museumsbesuch für einen Euro entzündete diesen Funken.

Viktor: Pazifist aus Donezk

Viktor, sechste Bank von rechts, trägt ein blaues Hemd und eine Flieger-Sonnenbrille. Er floh aus Donezk, weil er nicht für die Ukraine kämpfen wollte. In Deutschland verlor er durch einen Taschendiebstahl alle Dokumente, dann Job und Wohnung. Nun versucht er vergeblich, einen Termin im ukrainischen Konsulat zu bekommen. Jede Nacht um Mitternacht klickt er im McDonald’s auf der Suche nach einem freien Termin. Bis dahin lebt er auf der Straße, trinkt Bier aus Dosen und wartet.

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Matthias und Daniel: Einsamkeit nach Corona

Matthias, 46, ist frühverrentet wegen Psychosen. Er kommt aus Markt Schwaben und sitzt am Orleansplatz, weil es besser ist als zu Hause. Daniel, 36, wartet auf einen Freund und sammelt Pokémon-Karten. Die beiden kommen ins Gespräch über Einsamkeit seit Corona. „Die Menschen haben kaum noch Verbindungen“, sagt Daniel. „An dir liegt’s nicht, du bist ein cooler Typ.“ Sie posieren für die Zeitung, als würden sie sich seit Jahren kennen.

Der Orleansplatz: Schandfleck oder Treffpunkt?

Der Orleansplatz ist der Vorplatz des Ostbahnhofs, einem der größten Bahnhöfe Münchens. Während die umliegenden Straßen mit Feinkostläden und Cafés locken, ist der Platz von Verkehrslärm, Tauben und Kronkorken geprägt. Die Stadt stellte Schilder gegen Taubenfüttern auf, doch ohne Erfolg. In der Presse wird der Platz oft als „Schandfleck“ bezeichnet. Dennoch ist er für viele ein Ort der Hoffnung, wie für Teemu, der hier auf eine bessere Zukunft wartet.

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