Union Berlin hat einen neuen Trainer: Mauro Lustrinelli (50). Der gebürtige Tessiner führte den FC Thun überraschend zur Schweizer Meisterschaft und wechselt nun in die Bundesliga. Einer, der den 50-Jährigen wie kaum ein anderer kennt, ist Thun-Präsident Andres Gerber (53). Die beiden verbindet nicht nur die Zusammenarbeit der letzten vier Jahre, sondern auch eine gemeinsame Zeit als Spieler beim FC Thun von 2004 bis 2006. Im Gespräch mit BILD gewährt Gerber Einblicke in Lustrinellis Persönlichkeit und Entwicklung.
Abschied nach der Meisterschaft
„Ich empfinde es nicht so, dass ich mich von Mauros Abgang erholen müsste“, sagt Gerber auf die Frage, ob ihn der Abschied mehr belastet habe als die Meisterfeier. „Es war ja auch nicht eine totale Überraschung, dass er uns verlassen wird. Und die Meisterfeier zog sich über mehrere Wochen, was anstrengend, aber auch sehr schön war. Ich versuchte, eher bewusst Zeit zu finden, um alles zu realisieren und den Moment zu genießen.“
Der Zeitpunkt des Wechsels war für den Klub absehbar. „Kurz vor Schluss der Meisterschaft wussten wir, dass es konkret wird. Mauro hat schon vorher angedeutet, dass Interesse besteht, was für uns ja auch nicht unerwartet kam. Dann ging es doch relativ schnell.“ Die Verhandlungen bezeichnet Gerber als intensiv, aber fair. „Am Schluss war es für alle okay. Mauro hat es sich verdient, dass er diese Chance bekommt. Andererseits wollen wir auch nicht einfach klein beigeben. Für beide Seiten musste es stimmen. Das ist immer ein schmaler Grat.“
Das Verhältnis ist intakt
Trotz der Verhandlungen betont Gerber, dass das Verhältnis zu Lustrinelli weiterhin gut sei. „Wir haben uns offen ausgesprochen. Ich kann mich in ihn hineinversetzen, und er sieht unsere Sicht. Ich weiß, was das für eine Chance für ihn ist. Trotzdem war er vier Jahre bei uns. Die Zeit war sehr intensiv und persönlich. Das war nicht einfach nur ein Job. Wir waren vier Jahre für ihn da und haben ihm diese Chance gegeben.“
Er vergleicht die Situation mit Spielertransfers: „Ein Stürmer, der viele Tore schießt, sagt beispielsweise, dass er uns in die Super League oder zum Titel geschossen hat. Aber als Klub können wir sagen, dass wir ihm überhaupt einen Vertrag und eine Chance gegeben haben. So ist es auch mit Mauro. Da kann man viel diskutieren. Wichtig war mir, dass wir am Schluss alles geklärt und uns ausgesprochen haben. So passt es für beide Seiten.“
Der Spieler: Ein echtes Schlitzohr
Gerber erinnert sich lebhaft an die gemeinsame Zeit als Spieler. „Für mich war er immer das Schlitzohr. Ein Stürmer, der immer an der Grenze zum Abseits war. Er war nicht der Größte, nicht der Schnellste und nicht der Stärkste, aber er hatte ein gutes Näschen. Er hat immer mal wieder versucht, Elfmeter zu schießen, und damals schon einen großen Ehrgeiz. Wenn er nicht gespielt hat oder ausgewechselt wurde, war er oft ein wenig sauer. Er wollte immer spielen und Tore schießen.“
Neben dem Platz zeigte sich eine andere Seite: „Da war er immer ein Kumpel. Er war lustig und immer für einen Scherz zu haben. Wir waren, wie die Mannschaft jetzt auch, ein eingeschworenes Team. Elf Freunde quasi. Wir haben in der Freizeit viel zusammen gemacht. Wir waren am See, auf den Bergen oder sind zusammen ausgegangen. Eine eingeschworene Einheit.“
Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die Streiche im Trainingslager. „Wenn du da das Essen geholt hast zum Beispiel, und dann zurück zum Tisch gekommen bist, war immer irgendwas. Entweder war Wasser auf dem Stuhl oder im Essen war ganz viel Senf, Salz oder Pfeffer. Manchmal lag auch ein Reißnagel auf dem Stuhl. Da musstest du immer extrem aufpassen. Wenn etwas war, wusstest du, dass Mauro in irgendeiner Form involviert war. Aber immer auf eine lustige Art.“
Vom Spieler zum Trainer: Gereift, aber der Gleiche geblieben
Auch wenn sich Lustrinelli weiterentwickelt hat, ist sein Wesen erhalten geblieben. „Vom Wesen her ist er immer noch der Gleiche. Er ist nicht nur seriös und korrekt. Er ist immer noch ein Schlitzohr. Aber er ist in dieser Zeit unglaublich gereift. Er ist ein Trainer, der seine Verantwortung wahrnimmt. Der Ehrgeiz ist ihm geblieben. Er hat studiert. In der Schweiz sagen wir, er ist ein gescheites Haus. Und er hat Charme.“
Gerber hebt auch die Herkunft hervor. „In der Schweiz heißt es immer, die Tessiner – also die aus der italienisch-sprachigen Schweiz – die sind elegant, immer gut gekleidet, immer korrekt. Wir Berner sind da die gemütlichen und geselligen. Wir sprechen etwas langsamer. Wir sind von den Bergen. Mauro ist ein typischer Tessiner. Er ist immer gut gekleidet. Das passt immer alles zusammen. Auch wie er spricht. Er hat diesen Charme im Umgang mit den Menschen und so einen gewissen Schalk. Das war schon so, als er noch 20 Jahre jünger war.“
Veränderungen: Mehr Verantwortung, mehr Reife
Die größte Veränderung sieht Gerber in der Übernahme von Verantwortung. „Als Spieler übernimmst du nicht so viel Verantwortung. Als Coach musst du dich immer öffentlich hinstellen. Du musst entscheiden und immer genau überlegen, welche Signale du sendest. Auf Pressekonferenzen, vor der Mannschaft und auch gegenüber Sponsoren. Da hat Mauro ein sehr gutes Gespür, wie er sich ausdrücken muss. In der Hinsicht ist er sehr reif geworden. In allen Jahren hat er viel Erfahrung gesammelt, da hat er auch noch dazu gelernt.“
Seine kommunikativen Fähigkeiten lobt Gerber besonders. „Er kann mehrere Sprachen. Das ist ein Riesenvorteil. So kann er mit den Spielern persönlich sprechen. Er ist sehr kommunikativ. Es gibt Trainer, die nicht mit den Spielern darüber reden, wer warum spielt und wer nicht. Das ist bei Mauro nicht so. Das schätze ich sehr an ihm und finde es wichtig. Ich war auch Spieler und schätzte es, dass der Trainer dir zeigt, was du besser machen kannst. Das hat Mauro sehr konsequent gemacht und in den letzten Jahren viel dazu gelernt. Am Anfang waren manche Beziehungen zu Spielern noch verhärtet. Da gab es teils Diskussionen und Spannungen – aber das darf manchmal auch sein. Je länger er hier war, desto besser war der Draht zu den Spielern und hat er herausgefunden, wann er mit wem sprechen muss.“
Anfängliche Schwierigkeiten und Temperament
Auf die Frage nach Schwächen antwortet Gerber: „Ich finde nicht, dass er die da noch hat. Von außen hat man jedenfalls das Gefühl, dass in der Mannschaft ein guter Teamgeist herrschte.“ Er räumt jedoch ein, dass dies nicht immer so war. „Das war am Anfang noch schwieriger, weil die Erwartungen hoch waren. Auch aufgrund des Kaders. Da war auch Mauro ab und genervt und manchmal ein bisschen dünnhäutig. Mit guten Resultaten ist das dann einfacher. Dann hast du eine viel kleinere Angriffsfläche.“
Das italienisch angehauchte Temperament komme nur selten durch. „Ab und zu. Aber selten. In den ersten zwei oder drei Jahren manchmal. Da hat es ihn genervt, wenn die Zuschauer in gewissen Situationen nicht applaudiert oder sich vorwurfsvoll geäußert haben, wenn wir nicht gewonnen haben oder der Sieg nicht hoch genug war. Da war er empfindlicher. Aber in den letzten zwei Jahren habe ich das weniger wahrgenommen.“



