Abschied von Winfried Kretschmann: Vom Außenseiter zur Kultfigur
Abschied von Winfried Kretschmann: Vom Außenseiter zur Kultfigur

Winfried Kretschmann, der erste und einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands, geht nach 15 Jahren im Amt in den Ruhestand. Der 78-Jährige, der einst als knorriger Kauz und Außenseiter galt, wird nun parteiübergreifend als „Phänomen“ und „Unikat“ gewürdigt. Alt-Bundespräsident Joachim Gauck bezeichnete ihn als „kulturprägende“ Führungsfigur.

Sein Aufstieg 2011 kam überraschend, auch für ihn selbst. Proteste gegen Stuttgart 21 und die Nuklearkatastrophe von Fukushima brachten die Grünen an die Macht. Kretschmann, der das Amt nie angestrebt hatte, sagte über seine Vereidigung: „Ich stand da und innerlich war ich immer noch ein bisschen ungläubig erstaunt, dass ich jetzt dastehe und Ministerpräsident bin.“

Als Grüner regierte er oft wie ein Konservativer und erreichte damit auch CDU-Wähler. Er legte sich immer wieder mit der eigenen Partei an und verkörperte Pragmatismus statt Ideologie. Der Kompromiss war das demokratische Grundprinzip seiner Politik. Seine Zeit im Kommunistischen Bund bezeichnet er heute als studentische Verirrung.

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Kretschmann gilt als glaubwürdig, worttreu und uneitel. Er meidet Schlagzeilenpolitik und zitiert gern seine Lieblingsphilosophin Hannah Arendt. Seine Unverkrampftheit machte ihn zur Kultfigur: Legendär ist sein Satz zum Dienstwagen: „Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler, Basta! Ich kann doch keinen Fiat fahren!“ Mitten in der Energiekrise 2022 riet er zum Waschlappen statt zur Dusche – die Waschlappen-Sammlung ist nun im Haus der Geschichte zu bestaunen.

Kritiker halten ihm vor, in wesentlichen Bereichen wie dem Klimaschutz nicht viel erreicht zu haben. Dennoch genießt er parteiübergreifende Anerkennung. In der CDU hört man kaum ein schlechtes Wort über ihn, höchstens den Satz, er sei in der falschen Partei.

Im Ruhestand will der Biologe Pflanzen bestimmen, am Bauernhaus werkeln und vielleicht als Gasthörer an die Uni gehen. Ganz verschwinden wird er nicht: Er werde Vorträge halten und Erfahrungen weitergeben. Zunächst muss er aber die Reiselust seiner Frau Gerlinde befriedigen, die regelrecht reisewütig sei. „Man muss immer Kompromisse machen, wenn man mit anderen Menschen zusammenlebt. Nicht nur in der Politik“, so Kretschmann.

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