Der umstrittene Pop-up-Radweg in der Berliner Kantstraße in Charlottenburg wird noch vor der Abgeordnetenhauswahl Ende September zurückgebaut. Die zuständige Senatsfirma Infravelo hat die Arbeiten ausgeschrieben, die am 1. September beginnen sollen. Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) hatte den schnellen Rückbau am Montag im Tagesspiegel-Interview angekündigt. Firmen können sich bis zum 4. August bewerben.
Ausschreibung und geplante Umgestaltung
In der Ausschreibung heißt es, dass „die vorhandenen Radverkehrsanlagen und Verkehrszeichen zu entfernen sind und entsprechend der angeordneten Verkehrszeichenpläne eine Busspur (Radverkehr frei) neu herzustellen“ sei. Da „aufgrund von Schäden teilweise Instandsetzungsarbeiten an der Fahrbahn notwendig“ sind, werden die Arbeiten voraussichtlich ein Jahr dauern. Der Radweg war im Jahr 2020 während der Corona-Pandemie als Provisorium angelegt worden und galt als längster Pop-up-Radweg Berlins.
Rechtliche Auseinandersetzungen drohen
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat eine Klage angekündigt, falls die Senatsplanung realisiert wird. Der Verband hatte dazu 2025 ein Rechtsgutachten erstellen lassen. Dieses kam zu dem Ergebnis, dass der geplante Rückbau aufgrund des hohen Radverkehrsaufkommens unzulässig sei. Die DUH ist bereits mehrfach gegen Projekte der Verkehrsverwaltung juristisch vorgegangen. So musste diese 2024 Akten zu Radwegen herausgeben. Fahrradaktivist Heinrich Strößenreuther kommentierte das Vorgehen der Verkehrssenatorin mit den Worten: „Schäbig. Riskant. Lebensgefährlich. Und illegal.“
Radverkehrsaufkommen gestiegen
Tatsächlich ist die Zahl der Radfahrer seit 2020 deutlich gestiegen. Nach Angaben der DUH hat sie sich verdreifacht. Bonde sagte im Tagesspiegel-Interview: „Es muss jetzt nicht mehr zwingend an einer Hauptstraße ein Radweg sein.“ Radfahrer könnten einfach in die parallele Pestalozzistraße ausweichen. Die CDU-geführte Verkehrsverwaltung hatte bereits im Juni 2025 verkündet, wie die quer durch Charlottenburg verlaufende Kantstraße künftig aufgeteilt wird: Auf der ganz rechten Spur dürfen Autos und Lieferwagen stehen, links daneben entsteht eine auch für Radfahrer freigegebene Busspur. Für fahrende Autos gibt es je einen Fahrstreifen pro Richtung, dazwischen der schmale, etwas begrünte Mittelstreifen.
Unterstützung von BVG und Fahrgastverbänden
BVG und Fahrgastverbände lobten den angekündigten Rückbau, weil die Busse der BVG dann eine eigene Spur bekommen. Es geht um den Abschnitt Joachimsthaler Straße bis Wilmersdorfer Straße. Westlich der Wilmersdorfer ist die Aufteilung eine andere, es gibt aber einen durchgehenden Radweg bis zum ICC.
Konflikt mit dem Bezirk
Eigentlich sollte der Bezirk den Rückbau übernehmen. Bonde hatte dem Bezirksamt geschrieben: „Es wird um eine zügige und kooperative Umsetzung gebeten, um das schon zu lange andauernde Provisorium wieder in geordnete Zustände zu überführen.“ Dieser widersetzte sich jedoch. Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) kritisierte sofort nach der Ankündigung, dass die Senatsvorgabe keinerlei brauchbare Details enthalte und „ein ordnungsgemäßes Verwaltungshandeln anscheinend nicht geplant ist“. Schruoffeneger warf Senatorin Bonde vor, „ein verkehrspolitisches Exempel statuieren“ zu wollen, indem sie die Radfahrer ungeschützt zwischen Fließverkehr, rangierenden Lieferanten und Parkplatzsuchenden zwinge.
Hintergrund des Streits
Ursprünglich sollte die Anordnung von 2020 dauerhaft gelten und verstetigt werden: Das Konzept Radweg rechts, Busspur in der Mitte und Autospur links war umsetzungsreif. Der Streit begann mit dem Regierungswechsel 2023. Um Autoparkplätze zu retten, verwarf die CDU diese Pläne. Die Verkehrsverwaltung argumentiert weiterhin auch mit angeblichen Bedenken der Feuerwehr. Demnach können die großen Drehleitern wegen des Pop-up-Radwegs nicht die oberen Stockwerke erreichen. Durch Akteneinsicht der Grünen hat sich kürzlich herausgestellt, dass dieses Argument vorgeschoben ist. So hätten Verkehrsplaner den Einwand der Feuerwehr widerlegt. Schließlich müssten die Stützarme der Lkw nur zur Häuserseite hin ausgefahren werden. Zum Mittelstreifen könne die Leiter rein physikalisch gar nicht kippen.



