Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) sieht sich mit einer wachsenden internen Rebellion in seiner Partei konfrontiert. In einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands am Montag wagte der Bremer Landesvorsitzende Heiko Strohmann (58, CDU) einen offenen Angriff: „Sie leiten hier keine Firma, sondern eine Partei“, sagte er zu Merz. Dieser Satz, wie BILD von Teilnehmern erfuhr, markiert einen Wendepunkt im Umgangston der Partei.
Heiko Strohmanns kritischer Satz
Der Satz von Strohmann war eine direkte Reaktion auf Merz' Führungsstil, der zuletzt mehrere Minister und Staatssekretäre ohne Rücksprache mit der Partei entlassen hatte. „Es wurde als unternehmerische Entscheidung wahrgenommen, nicht als parteipolitische“, erklärte ein Vorstandsmitglied gegenüber BILD. Die Bremer CDU hatte zuvor bereits schriftlich einen Besuch des Kanzlers abgesagt, was als weiteres Zeichen des Protests gewertet wurde.
Strohmann, der nicht zu den Schwergewichten der Partei zählt, fand in der Sitzung breite Unterstützung. Kein Vorstandsmitglied widersprach ihm öffentlich. „Die Zeit des Beschützens ist vorbei“, zitierte BILD einen anderen Vorstand. Die einstige Zurückhaltung, die Merz vor öffentlicher Kritik bewahren sollte, sei nun einer tiefen Verunsicherung gewichen.
Schutz des Kanzlers war bislang oberstes Gebot
Bis vor kurzem hielten die Vorstandsmitglieder ihre Kritik noch zurück, um das Amt des Kanzlers nicht zu beschädigen. „Wir wussten, dass jedes Wort aus den Runden nach außen dringen würde“, erläuterte ein Insider. Deshalb setzte man auf vertrauliche Gespräche unter vier Augen, per SMS oder über Vertraute. Diese Schutzhülle bröckelt nun, wie das jüngste Verhalten zeigt.
Der Unmut richtet sich insbesondere gegen die Art und Weise, wie Merz seine Personalentscheidungen trifft. „Er behandelt die CDU wie ein Unternehmen, aber die Partei ist mehr als das“, kritisierte ein weiteres Vorstandsmitglied. Die Fassungslosigkeit wiegt inzwischen schwerer als die Angst vor einer öffentlichen Kontroverse.
Die Autoritätskrise von Friedrich Merz
Was Merz in diesen Tagen verliert, ist seine Autorität – sowohl als Parteichef als auch als Kanzler. Autorität definiert sich aus Macht und Vertrauen, doch beide Komponenten schwinden. „Das Vertrauen in seine Urteilsfähigkeit ist angeknackst“, so ein CDU-Politiker. Die Partei, einst als „Kanzlerwahlverein“ verspottet, zeigt Risse, die tief gehen.
Die Koalitionsmehrheit der Bundesregierung beträgt im Bundestag nur zwölf Stimmen – eine knappe Kante. In einer solchen Situation ist jeder Abweichler gefährlich. „Wir wissen nicht mehr genau, wer Freund und wer Feind ist“, gab ein Vorstandsmitglied zu bedenken. Die internen Querelen könnten die Regierungsarbeit erheblich erschweren.
Loriot-Sketch als Sinnbild der Zerrüttung
In der Union kursiert derzeit sarkastisch ein Video des Loriot-Sketches „Das Bild hängt schief“. Darin versucht ein Mann vergeblich, ein schief hängendes Bild zu korrigieren, bis der ganze Raum verwüstet ist. Dieses Bild steht sinnbildlich für die aktuelle Stimmung: Die Versuche, Merz' Fehler zu korrigieren, scheinen die Krise nur zu verschlimmern.
Hinzu kommen die Entlassungen von Verkehrsminister Patrick Schnieder (58, CDU) und Staatssekretär Tino Sorge (51, CDU), die den Kanzler öffentlich kritisiert hatten. „Das war ein reiner Racheakt“, wetterte ein Vorstandsmitglied. Die Personalien haben die Gräben vertieft und den Unmut in der Fraktion verstärkt.
Koalitionsmehrheit von nur zwölf Stimmen
Die parlamentarische Lage ist prekär: Mit einer Mehrheit von nur zwölf Stimmen ist Merz auf die Geschlossenheit seiner Fraktion angewiesen. Bei Abstimmungen könnte jeder fehlende Abgeordnete das Zünglein an der Waage sein. „Die Disziplin bröckelt“, fürchtet ein Fraktionsmitglied. Schon jetzt mehren sich die Stimmen, die eine offene Aussprache auf einem Sonderparteitag fordern.
Ob Merz das Vertrauen wiederherstellen kann, ist fraglich. Die Partei hat in der Vergangenheit schon manchen Kanzler durch besonnene Geschlossenheit gestützt, doch diesmal scheint das Maß voll. „Wir müssen uns klar werden, ob dieser Führungsstil noch zukunftsfähig ist“, resümierte ein Vorstandsmitglied. Der interne Aufstand ist mehr als nur ein Sturm im Wasserglas – er könnte die gesamte Kanzlerschaft ins Wanken bringen.



