Jens Spahn hat seinen Rücktritt als Unionsfraktionschef erklärt. Offiziell begründet er diesen Schritt mit der Unvereinbarkeit von Familie und Amt: Ihm sei bewusst geworden, dass sein persönliches Glück, gemeinsam mit seinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht mit seinem politischen Amt vereinbar sei. Der Spagat zwischen einem Baby durch Leihmutterschaft und seiner Rolle als Fraktionschef sei größer als erwartet. Doch nicht das neugeborene Kind, sondern eine lange Liste von Skandalen und Fehlentscheidungen hat Spahn die Karriere gekostet.
Eine Karriere mit vielen Skandalen
Spahn, einst ein Senkrechtstarter der CDU, kam immer wieder mit einem blauen Auge davon. Doch nun war das Maß voll – in den Augen der Öffentlichkeit wie der Parteibasis. Der Rücktritt ist der Schlusspunkt einer Karriere, die von der Maskenaffäre über fragwürdiges Finanzgebaren bis hin zu Flirts mit der AfD und dem amerikanischen Maga-Lager reichte. Hinzu kamen krasse Managementfehler als Fraktionschef, darunter die gescheiterte Wahl einer Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht mit einer liberalen Position zu Abtreibung und Leihmutterschaft.
Leihmutterschaft als Herzensthema der Union
Spahns offizieller Rücktrittsgrund berührt ein zentrales Thema der Christdemokraten: Entscheidungen um die Entstehung menschlichen Lebens, von Präimplantationsdiagnostik über Leihmutterschaft bis Abtreibung, sind für die Union Kernüberzeugungen. Erst im Frühjahr untermauerte die CDU auf einem Parteitag ihre Ablehnung der Leihmutterschaft – ohne dass Spahn sich mit persönlichen Worten gemeldet oder demonstrativ enthalten hätte, obwohl seine Leihmutter damals schon schwanger war. Die Empörung darüber ist gewaltig, doch allein dies hätte Spahn nicht zu Fall gebracht. Sein Fraktionskollege Hendrik Streeck und dessen Ehemann bekamen ebenfalls kürzlich ein Baby über eine Leihmutter, ohne großen Aufschrei in der Partei.
Politisches Konto im Minus
Spahns politisches Konto war zu weit im Minus: Maskenaffäre, fragwürdiges Finanzgebaren, Hauskauf, Flirts in Richtung AfD und ins amerikanische Maga-Lager, Managementfehler. Der größte Fehler betraf die gescheiterte Wahl einer Verfassungsrichterin mit liberaler Position zu Abtreibung und Leihmutterschaft. Über allem lag das dumpfe Gefühl der Unionsleute, dass sie es bei Spahn mit einer Ich-AG zu tun hatten, auf deren Loyalität niemand zählen konnte. Dass er sich notfalls auf Kosten aller durchmogelt und Regeln für sich selbst biegt, wo es passt. Im Fall der Leihmutterschaft wurde dieser Eindruck auf die Spitze getrieben: Spahn stellte sein privates Glück – auch noch erklärtermaßen – über die Parteilinie, im Widerspruch zu seinen früheren drastischen Aussagen gegen Leihmutterschaft.
Fehleinschätzung und Ende der Geduld
Dies alles, plus eine CDU-typische Prise Homophobie, zehrte Spahns politisches Kapital auf. Er konnte keine Empathie oder Geduld für seine höchst private Entscheidung erwarten. Im Gegenteil: Die fröhliche „Bild“-Meldung („Georg ist unser ganzes Glück“) düpierte die Parteifreunde. Der Mann, der immer taktisch agierte und kommunizierte, der Stimmungen antizipieren und sich mit Telefon-Diplomatie aus Krisen lavieren konnte, hat sich in diesem Fall gründlich verschätzt.



