Thorsten Frei, bisheriger Chef des Bundeskanzleramts, soll neuer Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion werden. Die Parteivorsitzenden Friedrich Merz (CDU) und Markus Söder (CSU) wollen ihn nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur als Nachfolger von Jens Spahn vorschlagen. Die Entscheidung soll in der Fraktionssitzung nächste Woche fallen. Frei wäre damit auf dem Posten angekommen, den ihm viele schon nach der Bundestagswahl 2021 zugetraut hatten.
Vom Schwarzwald ins Kanzleramt
Der 52-jährige Vater von drei Kindern stammt aus Säckingen im Schwarzwald an der Grenze zur Schweiz. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete er als Rechtsanwalt und Regierungsrat, bevor er 2004 Oberbürgermeister der Kreisstadt Donaueschingen wurde. Seit 2013 gehört er dem Bundestag an. 2021 wurde er Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion unter Fraktionschef und Oppositionsführer Friedrich Merz. Frei gilt als enger Vertrauter von Merz.
Merz entschied sich nach dem Wahlsieg jedoch überraschend, Frei zum Chef des Kanzleramts zu machen und nicht an die Fraktionsspitze zu setzen. Stattdessen erhielt der als unbequem geltende Jens Spahn den Fraktionsvorsitz – für viele Beobachter eine Überraschung.
Holprige Zeit im Kanzleramt
Freis Amtszeit im Kanzleramt stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Gleich die erste Sitzung des Koalitionsausschusses, für deren Vorbereitung er als Kanzleramtschef zuständig gewesen wäre, ließ er zugunsten einer Veranstaltung in seinem Wahlkreis Donaueschingen aus. Später wurde ihm aus den Reihen der Union, der SPD und auch aus den Ländern unter der Hand eine teils chaotische Amtsführung vorgeworfen.
Bei der Erarbeitung des großen Reformpakets der Bundesregierung nahmen die Fraktionsspitzen das Heft des Handelns in die Hand. Dass die Einigung geräuschlos zustande kam, wird vor allem ihnen zugeschrieben – nicht dem Kanzleramt.
Rückkehr in gewohnte Gefilde
Nun soll Frei in vertraute Gefilde zurückkehren. Sein Vorteil: Er muss sich nicht einarbeiten, kann sofort durchstarten, ist in allen Themen drin und kennt die wichtigen Akteure bestens. Für die Koalitionsarbeit, die nach 14 Monaten gerade in geregelte Bahnen gelenkt wurde, ist das von großem Vorteil.
Allerdings hat sein Ansehen unter den Unionsabgeordneten gelitten. Jens Spahn hat die Fraktion zu einem selbstbewussten Machtzentrum neben dem Kanzleramt gemacht. Diesen Anspruch werden die Abgeordneten nicht mehr aufgeben wollen. Frei wird also bei aller notwendigen Loyalität zum Kanzler beweisen müssen, dass er auch diesem Anspruch gerecht werden kann.



