Jürgen Klopp wird Bundestrainer. Der 58-Jährige übernimmt das Amt des Cheftrainers der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und verlässt nach knapp zwei Jahren seine Position als Global Head of Soccer beim Getränkekonzern Red Bull. Es ist eine Rückkehr auf die große Bühne, die für viele Beobachter überfällig war.
Vom Liverpool-Abschied zu Red Bull
Im Herbst 2024 begann eine große Revitalisierungsmaßnahme. Am 9. Oktober verkündete Red Bull, dass künftig Jürgen Klopp die Geschicke der Fußballsparte des Brausekonzerns verantworten werde. „I am running out of energy“, hatte er nur wenige Monate zuvor in einer Botschaft verkündet, mit der er sich nach neun intensiven Jahren vom FC Liverpool verabschiedete. Der Säulenheilige des deutschen Fußballs, der in Mainz, Dortmund und Liverpool den Erfolg brachte und allerorten unter Tränen verabschiedet wurde, fiel tief von seinem Sockel, auf den ihn Fußballromantiker und Experten gehievt hatten. So schnell konnten ihm von seinem neuen Arbeitgeber gar keine Flügel verliehen werden.
Zuvor, als Bundestrainer Hansi Flick die deutsche Nationalmannschaft mit dem Vorrundenaus bei der WM in Katar in den Trümmern abgeliefert hatte, wollte das Volk Klopp im höchsten Amt des deutschen Sports sehen. Umfragen brachten für Klopp damals nordkoreanische Zustimmungswerte. Das Problem: Der Wunschbundestrainer der Deutschen stand 2023 noch beim FC Liverpool unter Vertrag und damit nicht zur Verfügung.
Die dunkle Seite der Macht
Als er Liverpool dann verlassen hatte, ermattet, ausgebrannt und von neun Jahren im Stahlbad Premier League schwer mitgenommen, heuerte er bei Red Bull an – und zerstörte damit in den Augen vieler den Nimbus, wonach der ehemalige Profi ausschließlich blendende Karriereentscheidungen trifft. Klopp, der Heilige, der den Menschen Erfolg und Tränen und den Glauben an die Aufrichtigkeit im Sport brachte, verabschiedete sich für die Romantiker auf die dunkle Seite der Macht.
„Nach fast 25 Jahren an der Seitenlinie könnte ich nicht aufgeregter sein, mich an einem Projekt wie diesem zu beteiligen“, verriet Klopp in einer Pressemitteilung. Red-Bull-Boss Oliver Mintzlaff war damals außer sich vor Freude: „Wir sind sehr stolz auf diese herausragende und sicherlich stärkste Verpflichtung in der Fußball-Historie von Red Bull“, ließ er aus der Konzernzentrale funken. „Für uns ist er in seiner Rolle als Global Head of Soccer daher so etwas wie ein Gamechanger für unsere Engagements im internationalen Fußball und deren stetiger Weiterentwicklung.“
Stagnation und Trainerflut bei Red Bull
Doch relativ schnell sollten sie merken, dass Charismatiker Klopp nicht automatisch Glanz und Gloria bringen würde. Die Entwicklung der Fußballsparte stagnierte weltweit. Der Imagetransfer des deutschen Fußballlieblings gelang nicht. In seiner Rolle als Global Head of Soccer sorgte Klopp kaum für globalen Glanz. Als eine seiner ersten großen Amtshandlungen half er, seinen einstigen Kumpel Marco Rose zu entlassen. Rose musste gehen, weil ein von Verletzungen geplagter Kader nach brillantem Saisonstart die Champions-League-Qualifikation in Gefahr brachte.
Nach und nach folgten die Cheftrainer der Red-Bull-Fußballdependancen rund um die Welt. Es erwischte Klopps Ex-Spieler Sandro Schwarz in New York genauso wie Ole Werner, der RB Leipzig als Rose-Nachfolger immerhin relativ souverän in die Champions League geführt hatte. In den sechs Red-Bull-Klubs zwischen Paris und Saitama flogen in 16 Monaten Klopp neun Trainer. Zahlreiche Positionen besetzte Klopp mit eigenen Vertrauten.
Unmut im Konzern
Innerhalb der Sportstrukturen des Konzerns gibt es wohl inzwischen unterhalb der Führungsriege nicht mehr wenige Menschen, die der Abgang Klopps nicht ins Unglück stürzt, heißt es süffisant aus dem Umfeld. Es gab Zweifel daran, dass Jürgen Klopp wirklich als Unterstützer der Trainer wirkte. Dazu gab es beim Konzern offenbar Unmut über die jüngsten Auftritte als Werbegesicht für den Getränkekonzern Anheuser-Busch und als WM-Experte für MagentaTV, wie der österreichische „Standard“ berichtet. In beiden Sparten – Getränke und Medien – hat Red Bull eigene Formate parat.
Schon Anfang des Jahres hatten die „Salzburger Nachrichten“ geraunt, dass man bei Red Bull mit Klopps Performance nicht übermäßig glücklich sei – und ihm keine Steine in den Weg legen werde, wenn er sich im Sommer noch einmal beruflich verändern wolle. Vom Konzern und aus dem Klopp-Lager wurde das scharf dementiert.
Die perfekte Exit-Strategie
Dass er seinen Sprung zum DFB mit dem flapsigen, heftig kritisierten „Noch“-Spruch in Richtung des damaligen Noch-Bundestrainers Nagelsmann selbst anmoderiert haben könnte, ist natürlich Quatsch. Dennoch dürfte sich der innere Widerstand des leidenschaftlichen Trainers in engsten Grenzen gehalten haben, als sich die Tür in Richtung DFB-Campus immer schneller öffnete. Nun, zwei Jahre nach seinem Liverpool-Abschied, vermeldete Klopp, dass er „mehr als aufgetankt“ sei.
Noch bevor Klopp sich nach wilden Jahren in Liverpool in den Ruhestand und dann zu Red Bull verabschiedete, hatte er den Bau eines neuen Familiendomizils angeschoben. Inzwischen ist das Haus in Wiesbaden weitestgehend fertig. Von Wiesbaden ist der Weg in die DFB-Zentrale nach Frankfurt überaus kurz. Alles fügt sich doch noch.
Die neue Herausforderung
Nun wird Klopp halt doch noch Bundestrainer, wie von weiterhin vielen Fans erträumt und von zahlreichen Experten gefordert. Der DFB hatte sich Klopp ohnehin vom ersten Tag an vor die Füße geworfen. Dass Klopp ein großer Trainer ist, ist unbestreitbar. Er kann mit seinem Team Visionen entwickeln und den Weg bis ans Ziel gehen. Ob er Bundestrainer kann, muss sich zeigen.
Es ist eine ganz andere Aufgabe, als er sie bisher kannte: An seinen bisherigen Stationen baute er sich über Jahre seine Teams, mit akribischer Arbeit und vor allem in Liverpool auch mit viel Geld. Als Bundestrainer muss er nehmen, was da ist. Der Zugriff auf die Spieler ist begrenzt. Klopp muss moderieren – in Richtung der DFB-Gremien, in Richtung der Bundesliga. Rückschläge lassen sich nicht so schnell reparieren. Es wird eine Herausforderung für alle.
Strahlkraft für den deutschen Fußball
Wahrscheinlich ist Klopp eine gute Wahl, tatsächlich war er nach den gescheiterten Versuchen mit Flick und Nagelsmann die einzige wirkliche Option. Der deutsche Fußball liegt nach dem WM-Desaster mit dem schändlichen Aus im Sechzehntelfinale mal wieder am Boden. Klopps Glanz war ein wenig ermattet, aber wenn jemand die Strahlkraft für die Position hat, dann der einstige Fußballarbeiter, der zum Trainergott aufstieg, um sich als hochdekorierter Projektmanager ein wenig zu verlieren. Jetzt kann der gestolperte Heilige einen neuen großen Schritt auf der Karriereleiter machen. Als Bundestrainer, der den Deutschen den schwarz-rot-goldenen Jubel zurückbringt, würde er seinen ohnehin schon glänzenden Werbewert in schwindelerregende Höhen treiben. Das Bundestrainergehalt über wohl etwas mehr als sieben Millionen Euro pro Jahr dürfte fast ein nettes Zubrot sein.
Für Klopp ist der Weg ins Bundestraineramt die perfekte Exit-Strategie. Bundestrainer zu sein, daraus hat er nie einen Hehl gemacht, ist für ihn eine Ehre und eine Auszeichnung. Dort kann er Menschen bewegen, nicht nur Entscheider. Nur Trainer kann er jetzt nicht mehr feuern. Er ist selbst zurück auf dem heißen Stuhl. Und genau dort – so sind sich die meisten einig – gehört er hin.



