Seit einem halben Jahr überschattet der 3. Januar das politische Wirken von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU). Der Tag, an dem ein mutmaßlich linksextremistischer Brandanschlag die Stromversorgung für Zehntausende Menschen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf lahmlegte, wurde zum Wendepunkt seines Images. Bis dahin galt die CDU als klarer Favorit für die Abgeordnetenhauswahl, Wegner als sicherer Regierungschef. Doch die Diskussion über den Blackout und sein Verhalten reißt nicht ab.
Der Blackout und das Tennisspiel
Am 3. Januar brach die Stromversorgung in weiten Teilen Steglitz-Zehlendorfs zusammen. In vielen Häusern fiel auch die Heizung aus, Mobiltelefone funktionierten nicht. Wegner versäumte es, an diesem eiskalten Wintertag vor Ort zu sein – eine verpasste Chance, sich als mitfühlender Krisenmanager zu präsentieren. Stattdessen gab er zunächst an, den ganzen Tag zu Hause am Telefon gewesen zu sein. Später räumte er ein, von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt zu haben – eine Information, die er zunächst verschwiegen hatte.
Die Enthüllung des RBB löste Spott, Häme und Empörung aus. Die Opposition forderte seinen Rücktritt. Wegner verteidigte sich: „Ich habe den ganzen Tag am Telefon gesessen und koordiniert.“ Doch Details seiner Darstellung erwiesen sich als ungenau.
Widersprüche in der Kommunikation
Im Interview mit Welt TV schilderte Wegner seine Aktivitäten: „Ich habe um 8.08 Uhr begonnen, Telefonate zu führen – mit den Krisenstäben, mit Stromnetz, mit der Bundesregierung, dem Bundeskanzleramt, dem Bundesinnenminister.“ Dann fügte er hinzu: „Und ja, dann habe ich von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt, weil ich den Kopf freikriegen wollte.“ Die Formulierung legte nahe, er habe vor dem Tennis etliche Gespräche geführt. Doch die Senatskanzlei erklärte später, die Aussage zum Tennisspiel sei nur eine Ergänzung gewesen – ohne Angabe, wann die Telefonate stattfanden.
Die Senatskanzlei behauptete zudem, Wegner habe bereits Kontakt zur Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf gehabt – dies stellte sich als falsch heraus. Die Berliner Stromnetz GmbH teilte mit, es habe lediglich ein einziges Telefonat Wegners mit einem Mitglied des Krisenstabs gegeben, und zwar um 22.37 Uhr.
Pressekonferenz und viraler Clip
Als der „Tagesspiegel“ Mitte März berichtete, Wegner habe den Umfang seiner Telefonate am Vormittag des Krisentags nicht korrekt dargestellt, musste er sich einer Pressekonferenz stellen. Auf Nachfragen antwortete er wiederholt: „Dazu ist alles gesagt.“ Ein Zusammenschnitt dieser Antworten ging als viraler Clip auf der Plattform X um die Welt.
Ende März entschuldigte sich Wegner im Landesparlament: „Ich habe bei der Kommunikation Fehler gemacht.“ Ein Grünen-Abgeordneter fragte, ob Wegner klarstellen könne, am ersten Krisentag zu Hause gewesen zu sein – abgesehen vom Tennisspiel. Wegner antwortete: „Ich habe um 8.07 Uhr eine Nachricht der Innensenatorin bekommen. Zu diesem Zeitpunkt saß ich zu Hause am Frühstückstisch. Außer der eine Stunde Sport war ich den ganzen Tag zu Hause – abgesehen davon, dass ich mal mit dem Hund draußen war.“
Kein Gespräch mit Merz
Eine Sprecherin der Bundesregierung korrigierte Mitte Mai frühere Angaben: Entgegen ersten Mitteilungen habe Wegner am 3. Januar nicht mit Bundeskanzler Friedrich Merz telefoniert. „Ein Gespräch mit dem Chef des Bundeskanzleramtes hat stattgefunden. Zu anderen Mitgliedern der Bundesregierung jenseits des Bundeskanzleramtes liegen keine Informationen vor.“ Mitte März hatte ein Sprecher noch von mehreren Gesprächen mit Merz und Kanzleramtsminister Thorsten Frei (beide CDU) berichtet.
Das Verwaltungsgericht Berlin entschied im Eilverfahren, dass Wegner weitere Auskünfte geben muss. Der „Tagesspiegel“ hatte auf presserechtlichen Auskunftsanspruch geklagt. Der Regierungschef muss nun zumindest offenlegen, wie oft und wie lange er bis zum Mittag des 3. Januar mit zuständigen Stellen telefoniert hat.
Wahlkampf und Umfragen
Innerhalb der Berliner CDU gibt es kritische Stimmen zu Wegners Verhalten. Hinzu kommen andere Kontroversen, etwa um den entlassenen Digitalstaatssekretär Matthias Hundt oder den vorerst gescheiterten Plan, den Görlitzer Park nachts zu schließen. In Umfragen sackte die CDU deutlich ab. Dennoch wurde Wegner beim CDU-Landesparteitag am 10. Juni mit 92,6 Prozent zum Spitzenkandidaten für die Wahl am 20. September gewählt. Der 3. Januar ist jedoch nicht vergessen – und könnte die Wahl entscheiden.



