In der Nacht zum Dienstag scheidet die deutsche Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus – 3:4 im Elfmeterschießen nach einem 1:1. Wenige Stunden später postet Bundeskanzler Friedrich Merz einen fast euphorischen Trost-Text auf „X“. Aus Regierungskreisen heißt es später, das sei ein Versehen gewesen. Öffentlich wird der Beitrag schnell verspottet. Kurz darauf schiebt Merz einen zweiten, deutlicheren Satz nach: Erfolge feiere man gemeinsam, in der Niederlage stehe man zusammen.
„Markus Lanz“-Runde über Merz: „Das ist doch ein Fortschritt“
Bei „Markus Lanz“ sitzt an diesem Mittwoch die „taz“-Journalistin Anna Lehmann, und ihr fällt dazu ein Satz ein: Merz habe oft genug vulnerable Gruppen abgekanzelt, dieses Mal habe er sich wenigstens hinter eine gestellt. „Das ist doch ein Fortschritt“, sagt sie. Lanz lacht und findet das gemein. Neben Lehmann sitzen Julia Löhr, Wirtschaftsjournalistin der „FAZ“, und Veit Medick, Politikchef des „stern“. Drei Journalisten also, keine Politiker, niemand mit akutem Sitzungsdrang. Das macht die Sendung unaufgeregt, aber auch mürbe: Es wird erklärt, nachgezogen, abgewogen.
Friedrich Merz’ X-Post wird bei Lanz zur Kommunikationspanne
Medick nennt den Merz-Auftritt „ein bisschen absurd“ und „eine Übersprungshandlung“. Löhr sieht das Problem weniger im Posting selbst als in der Nachbereitung: Merz mache es „noch schlimmer durch die Art und Weise der Kommunikation“. Lanz malt sich aus: „Wer weckt dann den Kanzler?“ Dann der Trostsatz aus italienischer Perspektive: „Die Deutschen waren wenigstens dabei.“
Vom Fußball zur Wirtschaft: Deutschland in der Defensive
Der Fußball bleibt nur kurz Fußball. Lehmann sagt, als Wirtschaftskorrespondentin mache sie sich mehr Sorgen um den Zustand der deutschen Wirtschaft. Aber es passe ja ganz gut zusammen: Während andere davonstürmten, sei Deutschland defensiv. Aus dem ausgeschiedenen Team wird also ein Land, das seit Jahren versucht, aus der eigenen Umkleide zu kommen. Löhr warnt vor Investitionsstau am Industriestandort Deutschland. „Wir stagnieren seit sieben Jahren wirtschaftlich“, sagt Medick. Er ist sich nicht sicher, ob die Koalition die Erzählung drehen könne, ob Menschen also irgendwann dächten: Vielleicht bessert sich was für mich.
Löhr: „Im Moment ist die Erzählung: Wir müssen Finanzlöcher stopfen“
Löhr formuliert den Klang der Bundesregierung trockener: „Im Moment ist die Erzählung: Wir müssen Finanzlöcher stopfen.“ Unternehmen investierten oft nicht mehr in Deutschland, erklärt Löhr, es gehe häufig nur noch um Ersatzinvestitionen. Als Beispiel nennt sie die Schweiz: höhere Lohnkosten würden dort hingenommen, weil etwa das Kündigungsrecht weniger stark sei. Keine schöne Botschaft für deutsche Standortromantik.
Markus Lanz: „Es geht nicht darum, mehr zu arbeiten, sondern anders zu arbeiten“
Als es um Arbeitszeit geht, versucht Lanz, etwas Tempo reinzubringen: „Es geht nicht darum, mehr zu arbeiten, sondern anders zu arbeiten.“ Lehmann findet mehr Flexibilität sinnvoll, zumindest in tarifgebundenen Betrieben. Löhr sieht ohnehin schon viel Spielraum im System. Ein kurzer Moment, in dem es konkreter wird, folgt bei Lieferdiensten und Gastronomie – Lehmann warnt vor Verschlechterungen. Medick bremst: Manche täten so, als ließen sich Probleme mit dieser einen Reform lösen. Die Runde nickt sich durch die Differenzen.
Rentendebatte: Kapitaldeckung überfällig, Mütterrente ein Fehler
Deutlich wird Löhr bei der Rente. Kapitaldeckung sei überfällig, „das hätte schon vor 25 Jahren passieren müssen“. Aber: Besser spät als nie. Die Mütterrente nennt sie einen Fehler, teuer und schlecht zielgerichtet. Lanz springt darauf an: Die wirklich Bedürftigen bekämen oft gar nichts. Medick erklärt das politische Paket dahinter – jede Partei habe sich ihren Teil gesichert. Die CSU die Mütterrente, die CDU die Aktivrente und die SPD die Stabilisierung des Rentenniveaus. Reform sieht anders aus.
Koalition und Reformen: Ein verschwendetes erstes Jahr
„Das erste Jahr war ein verschwendetes Jahr“, fasst Löhr ihr Fazit. Ein Satz, der härter klingt, als er in der Runde verhandelt wird. Medick bleibt vorsichtig optimistisch, spricht von einem möglichen „Flow“, der entstehen könne. Gleichzeitig schiebt er hinterher, dass echte Reformen oft von Politikern kommen, die nichts mehr zu verlieren haben. Eigentlich würde das mit Merz ja passen, meint er. Widerspruch? Bleibt aus.
Löhr kritisiert, es gehe zu oft darum, „was vermittelbar“ sei, nicht darum, „was braucht das Land“. Medick glaubt, Reformen könnten eine Chance für die politische Mitte sein, auch im Wahlkampf. Lanz sucht den Politiker, der Zumutungen aussprechen kann, ohne sofort nach Zumutung auszusehen. Die Runde liefert dazu kluge Sätze, aber wenig Reibung. Man versteht besser, warum Reformen schwierig sind. Man hat sie aber auch eine Stunde lang dabei beobachtet.



