Die von der großen Koalition aus CDU und SPD beschlossene Steuerreform bringt vor allem für Familien mit Kindern eine spürbare finanzielle Entlastung. Dies geht aus einer Datenanalyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln für das Handelsblatt hervor. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) betonten bei der Vorstellung des Reformpakets am Donnerstag, es handele sich nicht um einen „Big Bang“, sondern um gezielte Maßnahmen. Ein interaktiver Rechner des Handelsblatts ermöglicht es Bürgern, die konkreten Auswirkungen auf ihr Nettoeinkommen zu berechnen.
Zentrale Änderungen: Reichensteuer und höhere Freibeträge
Die Reform setzt an zwei Punkten an: Zum einen wird die sogenannte Reichensteuer verschärft. Ab einem Einkommen von 250.000 Euro greift künftig ein Steuersatz von 45 Prozent, ab 280.000 Euro sogar 47 Prozent. Bislang lag der Spitzensteuersatz von 45 Prozent erst bei 277.825 Euro. Zum anderen steigen die Freibeträge: Der Grundfreibetrag wird von 12.348 Euro auf 12.900 Euro angehoben, die Kinderfreibeträge erhöhen sich von 4.878 Euro auf 5.123 Euro pro Kind. Auch das Kindergeld soll steigen.
Entlastung für Familien, Belastung für kinderlose Spitzenverdiener
Die Modellrechnungen des IW zeigen deutliche Unterschiede: Ein Ehepaar mit zwei Kindern und einem Haushaltseinkommen von 100.000 Euro spart rund 576 Euro jährlich. Die Bundesregierung geht in ihrem Reformdokument sogar von mehr als 600 Euro aus. Die Abweichung erklärt sich aus noch nicht vollständig kommunizierten Details. Erst bei sehr hohen Einkommen kehrt sich der Effekt um: Kinderlose Ehepaare zahlen ab etwa 250.000 Euro mehr, Familien mit Kindern müssen erst ab einem Einkommen von fast 600.000 Euro mit Einbußen rechnen.
Ökonomen bewerten Reform unterschiedlich
IW-Forscher Tobias Hentze, der die Berechnungen gemeinsam mit Martin Beznoska durchführte, zeigte sich enttäuscht: „Die Entlastungen entstehen hauptsächlich aus der Anhebung des Arbeitnehmerpauschbetrags und des Kindergeldes. Das ist zu wenig.“ Auch der frühere Wirtschaftsweise Peter Bofinger kritisiert die Reform als zu klein. Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr bezeichnete das Paket dagegen als „nachvollziehbaren Deal“, warnte jedoch vor negativen Folgen für die Anwerbung ausländischer Fachkräfte: „Die Gegenfinanzierung durch höhere Steuern auf hohe Einkommen könnte Talente abschrecken.“ Ifo-Präsident Clemens Fuest sieht die „fast 50 Prozent Steuerquote“ für Topverdiener als Standortnachteil und hätte sich eine Entlastung bei den Sozialbeiträgen für Geringverdiener gewünscht. Dennoch würdigte er die Reform als „ersten Erfolg“.
Auswirkungen auf verschiedene Haushaltstypen
Die Reform entlastet vor allem niedrige und mittlere Einkommen. Singles ohne Kinder profitieren bis zu einem Jahreseinkommen von etwa 80.000 Euro, danach steigt die Belastung. Verheiratete ohne Kinder zahlen erst ab rund 250.000 Euro mehr. Familien mit zwei Kindern sind bis knapp 600.000 Euro entlastet. Der interaktive Rechner des Handelsblatts ermöglicht eine individuelle Berechnung basierend auf Einkommen, Familienstand und Kinderzahl.



