Die Verhandlungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit Jürgen Klopp über den Posten des Bundestrainers befinden sich in der entscheidenden Phase. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat bereits mit Klopp persönlich gesprochen und auch dessen derzeitigen Arbeitgeber, Red-Bull-Chef Oliver Mintzlaff, kontaktiert. Nun müssen die Gremien des Verbandes zustimmen: der Aufsichtsrat und die Gesellschafterversammlung der DFB GmbH & Co. KG. Ohne ihr Placet kann kein neuer Bundestrainer verpflichtet werden.
Klopp soll deutsches Fußball-Niveau an die Weltspitze führen
Die Erwartungen an den 59-Jährigen sind hoch. Das Niveau, das Spanien, Frankreich, Argentinien und England in den WM-Halbfinalspielen demonstrierten, soll unter Klopp wieder zum deutschen Standard werden. Der Weg dorthin ist weit: Die deutsche Nationalmannschaft ist in der neuesten FIFA-Weltrangliste auf Platz zwölf abgerutscht – nach dem frühen WM-Aus aus den Top Ten gefallen.
DFB-Chef Neuendorf arbeitet Punkt für Punkt ab. Nach dem Gespräch mit Klopp selbst und dem mit Mintzlaff folgte nun das vereinbarte Briefing für die Mitglieder des Aufsichtsrates und der Gesellschafterversammlung. Die Entscheidung für Klopp als Bundestrainer ist in der finalen Phase angekommen. Im Beziehungsgeflecht zwischen DFB, Red Bull und dem Wunschtrainer werden die Details der künftigen Zusammenarbeit festgezurrt. Die Interessenlage ist dabei sehr unterschiedlich.
Mintzlaffs Forderungen: Geld oder Liebe?
Nie war Red Bull so wichtig wie in diesem verkorksten WM-Sommer. Seine Machtstellung wird Mintzlaff bei aller versicherten Liebe für den deutschen Fußball nicht ohne Gegenleistung hergeben – und auch nicht überstürzt. Wurde die „grundsätzliche Einigung“ mit Klopp nach dem Gespräch am New Yorker Flughafen vom DFB noch per Pressemitteilung verkündet, blieb nach dem Red-Bull-Gipfel alles streng geheim. Stillschweigen wurde offiziell vereinbart.
So bleibt es noch im Spekulationsbereich, in welcher Währung der DFB für Klopp bezahlen muss: Geld oder Liebe, sprich mehr Anerkennung durch die Fußballinstanzen? Mintzlaff ist auf dem Weg in die USA, um selbst nochmal mit Klopp zu sprechen. Der Termin dürfte eher symbolischen Charakter haben. Es wird eine dezente Lösung für die Beendigung des bis 2029 datierten Vertrages von Klopp als Head of Global Soccer bei dem Brause-Imperium erwartet. Eine Lösung, die möglichst wenig Aufsehen erregt und Klopp als Bundestrainer auch in Ruhe arbeiten lässt – ohne Bullen-Käppi an der Seitenlinie, aber vielleicht mit mehr Präsenz in Leipzig mit der Nationalelf.
DFB: Klopp muss kommen und darf nicht zu teuer sein
Klar hat sich Neuendorf nach dem WM-Aus positioniert und seinen Plan bisher minuziös abgearbeitet. Spielen jetzt noch die Funktionäre in den Verbandsstrukturen mit, könnte der DFB-Chef als Gewinner aus dem WM-Debakel hervorgehen. Anders als nach dem WM-Aus in Katar vor vier Jahren, als er noch ein Präsidenten-Greenhorn war und anders als sein Vorgänger Reinhard Grindel, der 2018 das Russland-Aus mehr schlecht als recht managte.
Zwei Faktoren sind für den DFB wichtig: Klopp muss kommen. Und es darf nicht zu teuer werden. Darum ging es auch in der für Mittwoch einberufenen Sitzung. Alle Entscheider im Verbandsapparat müssen immer auf dem Laufenden gehalten werden. Ein Scheitern des Klopp-Deals wäre eine heftige Niederlage für Neuendorf, fast schon in der Dimension des sportlichen WM-Debakels unter Julian Nagelsmann, der als Bundestrainer gehen musste.
Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung: Die Entscheider
Schon die Auflösung des Vertrages von Nagelsmann funktionierte nur mit der Zustimmung der beiden Gremien. Im Aufsichtsrat sitzen 14 Mitglieder aus dem DFB-Präsidium und der Bundesliga. Den Vorsitz hat Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender des Bundesligisten VfB Stuttgart. Sie müssen alle maßgeblichen Personal- und Wirtschaftsentscheidungen absegnen. Die Nationalmannschaft ist einer von fünf Geschäftsbereichen des DFB, für die der Aufsichtsrat zuständig ist.
Die Gesellschafterversammlung bilden neben Neuendorf und Watzke noch Oliver Leki vom SC Freiburg für die Bundesliga und DFB-Vize Ronny Zimmermann. Das Quartett ist letztlich das höchste Entscheidergremium im vom Verband ausgegliederten Geschäftsbereich.
Klopps Vorbereitung auf die Herkulesaufgabe
War die Auszeit bei den Auftritten als Experte bei MagentaTV zwischen Viertelfinale und Endspiel geplant? Oder nutzt Klopp die zehn Tage ohne Bildschirmpräsenz kurzfristig für die Vorbereitung auf den neuen Job? Dass die WM für ihn wie ein Bildungsurlaub ist, hat der einstige Erfolgstrainer schon mehrmals erwähnt. Antworten gibt es spätestens, wenn der 59-Jährige am Sonntag (21.00 Uhr) zum Finale als großer WM-Analytiker live im Stadion in East Rutherford wieder auf den Bildschirmen zu sehen ist.
Klar ist, dass Klopp die Herkulesaufgabe mit einem ungewöhnlichen Vorlauf angehen kann. Noch sind es zehn Wochen bis zum Vierer-Länderspielpack in der Nations League in den Niederlanden, gegen Serbien und zweimal gegen Griechenland zwischen dem 24. September und 4. Oktober. Klopp kann ohne Eile Kandidaten sichten und Gespräche führen. Durch die Umstellung des Terminkalenders wird es drei statt bislang üblich nur einen Bundesliga-Spieltag vor der ersten Kader-Nominierung geben. Dazu kommt die erste Runde in der Champions League. Zeit ist eine harte Währung für Klopp.



