Lahm sieht deutsche Versäumnisse seit einem Jahrzehnt
Philipp Lahm, Weltmeister-Kapitän von 2014, hat in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Krise des deutschen Fußballs scharf analysiert. „Wir laufen seit zehn Jahren hinterher, weil wir uns nicht an die aktuellen Entwicklungen anpassen, stattdessen Sonderwege gehen, zuletzt mit dem Comeback der Manndeckung in der Bundesliga“, schrieb der 42-Jährige. Er warnte: „Wenn wir das weiter tun, werden wir weiter scheitern.“
Kritik an Experimenten und mangelnder Kontinuität
Lahm bemängelte neben der Trainer- und Talentausbildung auch eine fehlende Kontinuität, die alle Spitzenmannschaften auszeichnen würde. „Deutschland geht einen anderen Weg als der Rest der Welt und passt sich nicht daran an“, erklärte der frühere Bayern-Profi. Er kritisierte explizit die vielen Experimente: „Spieler werden häufig auf den unterschiedlichsten (falschen) Positionen eingesetzt, das System wird oft geändert. Das war immer meine Kritik an Julian Nagelsmann. Für mich zählen Klarheit und Ordnung.“ Nagelsmann war nach dem Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay auf Druck der Verbandsspitze zurückgetreten.
Verlust an Trainerqualität und fehlende Führung
Für Lahm hat Deutschland auch an Qualität an der Seitenlinie eingebüßt. „Was in Deutschland in den letzten Jahren bei den Trainerbesetzungen verloren gegangen ist: fußballerische Qualität, eigene Erfahrungen auf höchstem Level. Was fehlt, sind ehemalige Profispieler, die sich methodisch weiterbilden. Die sich Zeit nehmen, den Beruf von der Pike auf zu lernen, um über die Jahre Exzellenz zu erlangen“, schrieb er. Als positive Beispiele nannte er Frankreichs Coach Didier Deschamps, Italiener Carlo Ancelotti (Brasilien) sowie die Spanier Mikel Arteta (FC Arsenal), Pep Guardiola (zuletzt Manchester City) und Xabi Alonso (FC Chelsea).
DFB als Instanz gefordert
Führung fehle in dieser Hinsicht auch vom Verband, meinte Lahm: „Der DFB nennt seine Akademie einen Ort des Austauschs und der Diskussion und begreift sich nicht als Instanz, die eine Richtung vorgibt.“ Zudem irritiere ihn, dass deutsche Vereine „leider in erheblichem Umfang“ solide, aber nicht herausragende ausländische Spieler verpflichten würden. „Dieses Vorgehen ist ein einfacher Weg, das Niveau abzusichern. Aber es verhindert die Entwicklung, weil eigene Nachwuchsspieler keinen Platz finden“, bemängelte Lahm.
Der Gastbeitrag des Weltmeister-Kapitäns unterstreicht die tiefgreifenden strukturellen Probleme im deutschen Fußball, die laut Lahm nur durch eine konsequente Neuausrichtung behoben werden können.



