Als der englische Fußball-Verband FA im Herbst 2024 bekannt gab, dass mit Thomas Tuchel ausgerechnet ein Deutscher neuer Nationaltrainer wird, hagelte es heftige Kritik. „Wir brauchen keinen Thomas Tuchel, sondern einen Patrioten, für den das Land an erster, zweiter und dritter Stelle steht“, titelte etwa die „Daily Mail“. Knapp zwei Jahre später steht Tuchel mit England im WM-Halbfinale gegen Argentinien. Sollte er die „Three Lions“ zum ersten WM-Titel seit 1966 führen, dürften die Schlagzeilen auf der Insel ganz anders klingen.
Tuchels Erfolgsrezept: Kommunikation und Datenbesessenheit
Was für den Deutschen spricht: Er ist ein einfallsreicher Kommunikator und hat seine Spieler mental perfekt auf das Turnier vorbereitet. Intern hat Tuchel diese WM – im besten Fall mit acht Spielen verteilt auf knapp fünf Wochen – mit dem zermürbenden Kampf einer Premier-League-Saison verglichen. Die Endphase mit dem Viertelfinale gegen Norwegen verglich er mit den Monaten April und Mai, also der Crunchtime, um die Trophäen zu gewinnen. „Das sind die spannenden Zeiten. Dann müssen wir alles geben, ohne etwas zu bereuen“, sagte er zu seinen Spielern.
Als „Schindphase“ bezeichnete er die Vorrunde und die ersten zwei K.o.-Spiele – und diese Phase ließe sich am besten mit Auswärtsspielen an kalten Winterabenden im Januar vergleichen. „Alles fühlt sich schlecht an. Gegen diese Widerstände müssen wir ankämpfen und es einfach durchziehen“, forderte Tuchel.
Kaderzusammenstellung ohne Rücksicht auf Namen
Der Trainer hat sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht, um England zum Weltmeister zu machen. Ganz wichtig war ihm die Kaderzusammenstellung, denn der Teamgeist ist entscheidend. Tuchel spricht intern von Bruderschaft. Mit der Konsequenz: Bei der Nominierung nahm er keine Rücksicht auf Namen. Er ließ gleich vier Top-Stars zu Hause: Harry Maguire, Phil Foden, Cole Palmer und Trent Alexander-Arnold. Dafür wurde er von Medien heftig attackiert. Doch sein Plan ging bisher auf.
Datenanalyse als Trumpf: IMPECT und die „Packing“-Kennzahl
Englands Hoffnungsträger setzt auf Hilfsmittel. Weil ihm jedes Detail wichtig ist. Das fängt bereits bei Kleinigkeiten wie dem Passspiel im Training an. „Wir sind ein bisschen in unserem Denken festgefahren. Wir denken über den Pass nach, und dann ist es schon eine halbe Sekunde zu spät, die Lücke ist nicht mehr da“, sagt er. Tuchel ist ein Daten-Besessener, er lässt alle möglichen Erkenntnisse über seine Spieler und über den Gegner auswerten. Dabei hilft ihm auch die Datenanalyse-Firma IMPECT, die von den ehemaligen Bundesliga-Profis Stefan Reinartz und Jens Hegeler gegründet und mittlerweile an das australische Sporttechnologie-Unternehmen Catapult Sports verkauft wurde. IMPECT wurde durch den Begriff „Packing“ bekannt. Eine Kennzahl, die misst, wie viele Gegner jeder Spieler mit jeder Aktion aus dem Spiel nimmt.
In der Vergangenheit kam es vor, dass Tuchel zum Hörer griff und sich mit Daten-Spezialisten austauschte, um noch mehr Auswertungskriterien zu entwickeln und somit an noch mehr Informationen zu kommen. Schon während seiner Anfangszeit als Profi-Trainer in Mainz arbeitete Tuchel mit einem Hirnforscher zusammen, um zu erfahren: Auf welche Reize reagiert ein Gehirn, wie kann man das schulen?
Fordernde Führung und klare Ansagen
Tuchel ist fordernd, es gibt keinen Kuschelkurs unter ihm. Nach dem Viertelfinale gegen Norwegen (2:1) lobte er die Mentalität seiner Mannschaft, aber er kritisierte die Spielweise und eckte damit an. Der zweifache Torschütze Jude Bellingham widersprach ihm. Tuchel klärte es nach SPORT BILD-Informationen intern in einem persönlichen Gespräch, dann war die Sache abgehakt. Für den Deutschen ging es darum, die Sinne zu schärfen – und nicht darum, dass seine Spieler in den Feierlaune-Modus geraten. Deshalb gibt er ihnen auch im Training ständig Feuer. Die Spieler loben die Art der Führung. Mit Ausnahme der Norwegen-Partie auch Bellingham.
„Thomas Tuchel scheut sich nicht, einen anzuschreien. Er fordert immer etwas von einem und sorgt dafür, dass man jeden Tag bereit ist“, sagt Ollie Watkins. Laut dem Stürmer ist Tuchels Intensität Ausdruck einer echten „Siegermentalität“ – etwas, wonach England stets strebt, und das die „Three Lions“ nun antreiben soll, den goldenen WM-Pokal endlich nach Hause zu holen.
Historische Chance und ein Versprechen
Tuchel würde einen besonderen Platz in der Historie Englands einnehmen. Und schon bei der Final-Teilnahme am kommenden Sonntag in New York/New Jersey will er ein Versprechen einlösen: erstmals die Hymne des britischen Königreiches mitsingen.



