Nach Informationen der britischen Zeitung "The Times" will der walisische Fußballverband (FAW) Gianni Infantino bei dessen anstehender Wiederwahl zum FIFA-Präsidenten nicht unterstützen. Der Verband signalisierte demnach gegenüber anderen nationalen Fußballverbänden, dass er Infantino nicht seine Stimme geben werde. Die Entscheidung kommt kurz vor dem 73. FIFA-Kongress, der am 16. März im ruandischen Kigali stattfindet und bei dem Infantino erneut als einziger Kandidat antritt. Der walisische Verband gehört damit zu jenen Mitgliedsverbänden, die offenbar eine kritische Haltung gegenüber der FIFA-Führung einnehmen.
Laut dem Bericht hat die FAW ihre ablehnende Haltung unter anderem den Kollegen vom englischen Verband mitgeteilt. Damit wächst die Zahl jener Nationalverbände, die sich gegen eine erneute Amtszeit von Infantino aussprechen. Allerdings reicht dies nicht aus, um die Wahl zu verhindern, da Infantino als einziger Kandidat formal per Akklamation bestätigt werden könnte. Dennoch zeigt die Haltung aus Wales, dass der Widerstand innerhalb der FIFA-Mitglieder nicht abreißt. Kritiker werfen Infantino unter anderem einen autoritären Führungsstil, mangelnde Reformbereitschaft und die Nähe zu umstrittenen Regimen vor.
Wachsende Kritik in Europa
Der walisische Verband reiht sich damit in eine Reihe europäischer Verbände ein, die bereits in der Vergangenheit Bedenken gegen Infantino geäußert hatten. Schon beim zurückliegenden Prozess um die WM-Vergabe nach Katar hatte Wales kritische Töne angeschlagen. Thematisiert wurden damals vor allem die Arbeitsbedingungen von Gastarbeitern und der Umgang mit Menschenrechtsaktivisten. Auch bei der geplanten Reform der FIFA-Regularien fordern mehrere Verbände eine stärkere unabhängige Kontrolle. Der Bericht aus der "Times" deutet darauf hin, dass Wales die Entwicklung unter Infantino als zu langsam empfindet.
Die englische FA gilt als einer der Wortführer im Kreis der reformorientierten Verbände. Dass sich nun auch die walisische FA anschließt, könnte den Druck auf den FIFA-Präsidenten erhöhen. Zwar ist eine formale Kandidatur eines Gegenbewerbers nicht in Sicht, doch die Symbolik eines Boykotts oder einer Enthaltung bei der anstehenden Wahl ist nicht zu unterschätzen. Mehrere Verbände aus Skandinavien und Nordeuropa sollen zudem darüber nachdenken, bei dem Kongress offen gegen Infantino zu stimmen, falls es doch zu einer geheimen Abstimmung käme.
Infantino bleibt voraussichtlich ohne Gegenkandidaten
Gianni Infantino war 2016 als Nachfolger von Sepp Blatter gewählt worden und wurde 2019 im Amt bestätigt. Seine dritte Amtszeit soll nach dem Willen der FIFA-Exekutive bereits auf dem Kongress in Kigali eingeläutet werden. Offiziell ist Infantino der einzige Kandidat, da bis zum Stichtag keine weitere Bewerbung eingereicht wurde. Damit wäre er automatisch wiedergewählt, sofern der Kongress dies per Akklamation bestätigt. Bei der Wahl 2019 war Infantino lediglich auf eine symbolische Gegenstimme gekommen. Nun könnte der Widerstand aus Wales erstmals dafür sorgen, dass mehr als nur eine Handvoll Verbände ihre Ablehnung öffentlich machen.
Die FIFA selbst wies bislang auf die großen Erfolge unter Infantinos Führung hin, darunter die Erweiterung der Weltmeisterschaft auf 48 Teilnehmer und gestiegene Einnahmen aus den TV-Rechten. Kritiker argumentieren jedoch, dass die finanziellen Zugewinne mit einer zunehmenden Abhängigkeit von autoritären Golfstaaten einhergingen. Die Vergabe der WM 2022 an Katar und die Pläne für die WM 2034 in Saudi-Arabien stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Wales gehört zu den Verbänden, die öffentlich Bedenken bezüglich der Menschenrechtslage in beiden Ländern geäußert haben.
Reaktionen aus dem walisischen Verband
Der walisische Fußballverband wollte sich zu dem Bericht aus der "Times" nicht offiziell äußern. In Verbandskreisen wird jedoch bestätigt, dass die FAW ihre Position in den vergangenen Wochen klarer definiert habe. Ein nicht namentlich genannter Funktionär soll gegenüber der britischen Zeitung erklärt haben: "Wir sehen es als unsere Verantwortung, auf Missstände hinzuweisen und Veränderungen innerhalb der FIFA anzumahnen. Dazu gehört auch, die Wiederwahl nicht zu unterstützen, wenn wir inhaltlich nicht überzeugt sind." Diese Aussage, sollte sie authentisch sein, würde zeigen, dass die Haltung aus Wales nicht nur symbolischer Natur ist, sondern auf einer grundsätzlichen Kritik an der aktuellen FIFA-Führung beruht.
Der Druck auf Infantino wächst damit auch aus dem eigenen Kontinent. Die walisische FA gilt als seriöser und ruhiger Verband, der selten in großen Konflikten mit der FIFA steht. Dass ausgerechnet diese Stimme im Vorfeld des entscheidenden Kongresses laut wird, könnte andere bisher unentschlossene Verbände ermutigen, ebenfalls ihre Bedenken zu äußern. Experten rechnen allerdings damit, dass die Wahl trotz des Widerstands ohne größere Überraschungen über die Bühne gehen wird, da Infantino in Afrika, Asien und Südamerika weiterhin auf breite Unterstützung zählen kann. Die genaue Zahl der ablehnenden Stimmen bleibt unklar, doch die Berichterstattung aus Großbritannien dürfte die Gemüter weiter anheizen.
Vor dem Kongress in Kigali haben sich bereits mehrere europäische Fußballverbände hinter die Position des englischen und walisischen Verbands gestellt. Sie fordern unter anderem eine Reform des Wahlprozederes und eine transparente Vergabe von WM-Turnieren. Die FIFA-Verfassung sieht vor, dass die Wahl des Präsidenten im Rahmen des Kongresses durch die 211 Mitgliedsverbände erfolgt. Bei einem einzigen Kandidaten reicht die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen aus. Ob es zu einer geheimen Abstimmung kommt, hängt von der Tagesordnung ab, die der FIFA-Rat festlegt. Die Entwicklungen der kommenden Tage werden zeigen, ob der Widerstand aus Wales weitere Kreise zieht und ob Infantino den 73. Kongress möglicherweise mit einem Dämpfer verlässt.



