Zwölf Jahre nach Angela Merkels legendärem Kabinenbesuch in Brasilien wirkt die politische Präsenz bei einer Fußball-Weltmeisterschaft plötzlich auffallend dünn. Während 2014 noch die damalige Kanzlerin, der Bundespräsident und mehrere Abgeordnete nach Südamerika reisten, herrscht bei der XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko bislang demonstrative Zurückhaltung. Boykottiert unsere Regierung die USA? Fest steht: Zum ersten deutschen Gruppenspiel in Houston, Texas, reist niemand aus der Bundesregierung an. Stattdessen wird Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein (CDU) erst beim zweiten Vorrundenspiel gegen die Elfenbeinküste im kanadischen Toronto auf der Tribüne sitzen.
Schenderlein: Kalender statt Politik
Im rbb-Inforadio erklärte die 44-jährige Politikerin: „Ich reise zum zweiten Vorrundenspiel. Das ist meist auch ein sehr spannendes Spiel, weil es schon so eine erste Vorentscheidung bringt. Und ich muss sagen, ein Stück weit muss man auch auf den Kalender schauen, wann welches Spiel stattfindet. Es war keine Entscheidung, welches Gastgeberland es geworden ist. Aber ich freue mich, dass ich nach Kanada fahre, weil ich es toll finde, dass Kanada das erste Mal Gastgeberland für eine Fußball-WM geworden ist.“
Boykottiert die Regierung Trump?
Dass ausgerechnet kein US-Spiel auf ihrem Reiseplan steht, wirkt politisch brisant. US-Präsident Donald Trump (79) hat die WM in seiner ersten Amtszeit maßgeblich in die USA geholt und inszeniert sie gemeinsam mit Fifa-Boss Gianni Infantino zunehmend als Bühne eigener Machtdemonstration. Neue Fifa-Büros im Trump Tower, Treffen im Oval Office, enge persönliche Kontakte – die Nähe ist offensichtlich. Kritiker sprechen bereits von einer „Trump-WM“.
Auch aus dem Bundestag bleibt es ruhig. Weder Kanzler Friedrich Merz noch prominente Koalitionsvertreter haben bislang einen Besuch angekündigt. SPD-Politikerin Aydan Özoğuz etwa will „aus der Ferne die Daumen drücken“ und verweist auf Einreisesperren und die politische Lage. Selbst aus der Union heißt es, konkrete Reisepläne gebe es aktuell nicht.
Bundeskanzler im Finale dabei?
Schenderlein hält sich diplomatisch zurück. Auf die Frage, ob noch weitere Regierungsmitglieder anreisen, sagte sie: „Nach meiner Kenntnis hat der Bundeskanzler selbst ja angekündigt, dass wenn die deutsche Fußballmannschaft ins Finale kommt, dass er dann auch dort mit dabei sein will. Und davon gehe ich ehrlicherweise auch aus. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass im Turnierverlauf vielleicht sich doch noch der ein oder andere dazu entscheidet, dann vor Ort zu sein.“ Heißt übersetzt: Kommt der sportliche Erfolg, kommt womöglich auch die politische Prominenz. Bis dahin bleibt es bei einem Solobesuch.



