Im Frühjahr 2009 steht Claudia Pechstein (54) am Abgrund. Die fünfmalige Olympiasiegerin schreibt in ihrem Buch „Von Gold und Blut“, dass sie auf der neuen Autobahnbrücke der A71 überlegt hat, sich das Leben zu nehmen. Eine Abschieds-SMS an ihren Manager Ralf Grengel (61) rettet ihr damals das Leben. Nur wenige Monate später, im Dezember, begegnet sie Matthias Große (58) – einem Mann, der ihre Geschichte für immer verändern wird. Aus der Begegnung entsteht eine der ungewöhnlichsten und intensivsten Beziehungen des deutschen Sports, privat wie beruflich. Seit 17 Jahren gehen die beiden nun gemeinsam durch dick und dünn.
Ein Kampf gegen den Dopingverdacht
Große, ein Berliner Geschäftsmann und Hüne von einem Mann, glaubt an Pechsteins Unschuld, als die Öffentlichkeit längst über sie geurteilt hat. Wegen eines zu hohen Anteils roter Blutkörperchen war die Athletin zu einer zweijährigen Sperre verurteilt worden – ein positiver Dopingtest lag nie vor. Der Internationale Sportgerichtshof Cas wertete die Werte als Indiz für Blutdoping. Erst 16 Jahre später endete der Rechtsstreit im März 2025 mit einer millionenschweren Einigung und der Rehabilitierung. Dass es so weit kam, ist nicht zuletzt Große und seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, mit der er von Beginn an das Umfeld ansteckte. Pechstein konnte nämlich belegen, dass eine von ihrem Vater vererbte Blutanomalie für die erhöhten Werte verantwortlich war. Er half moralisch, finanziell und als eine Art Bodyguard.
„Ohne Matthias hätte ich den Kampf niemals durchgestanden“, betont Pechstein immer wieder. Und weiter: „Ihn kennengelernt zu haben, war das einzig Positive an der Sperre.“ Die Wochenzeitung „Die Zeit“ bezeichnete Große einmal als „Kampfdrohne“, weil er ständig um sie kreist – als Beschützer, Anwalt und Partner.
Leben im „Weißen Kreml“
Das Paar lebt im sogenannten „Weißen Kreml“ in Berlin-Köpenick, einer Mischung aus Weißem Haus und Kreml, die Große mit allen Mitteln verteidigt. Seine Methoden sind umstritten: Er rief Bundestagsabgeordnete an und stattete Institutionen Besuche ab, die durchaus als Drohung aufgefasst wurden. Mit dem ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt führt er seit Jahren einen Privatkrieg, inklusive Hausverbot und Gerichtsprozessen.
Vom Offiziersanwärter zum Allrounder
Große hat eine bewegte Vita. Als Kind der DDR studierte er 1986 an der Militärpolitischen Hochschule in Minsk und wurde Kraftsport-Meister der UdSSR. Sein damaliges Motto: „Sport ist Klassenkampf.“ Nach der Wende platzte der Traum von der Generalskarriere – im Alter von 37 Jahren hätte er 2004 General werden sollen. Stattdessen arbeitete der gebürtige Lausitzer als Kloputzer, Türsteher und Disco-Chef, stieg ins Immobiliengeschäft ein und eröffnete mit Pechstein sogar eine Currywurst-Bude.
Seine letzte NVA-Uniform hängt heute in seinem Büro neben einem großen Pechstein-Porträt und zwei gerahmten Absagen: Sowohl der VfB Stuttgart als auch Schalke 04 lehnten seine Bewerbung als Athletiktrainer ab. „Ich habe in der Wendezeit erfahren, wie es ist, ohne Schuld alles zu verlieren“, erklärt Große. „Daher habe ich mich bei Claudia gemeldet und ihr meine Hilfe angeboten. Einer West-Athletin wäre das nicht passiert, sie hätte mehr Unterstützung bekommen.“
Verband und Trainerposten
Dass Große schließlich auch beruflich in Pechsteins Sportwelt eintauchte, war nicht geplant. Als die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) finanziell ins Schlingern geriet, riss er das Zepter an sich und wurde zum nicht unumstrittenen Präsidenten gewählt. Mit Erfolg: Aus einem Minus von 515.000 Euro im Jahr 2019 machte er bis 2024 ein Plus von 145.000 Euro.
Pechstein selbst blieb dem Eisschnelllauf ebenfalls verbunden. Nach ihrem Karriereende arbeitete sie zuerst als Bundesstützpunkt-Trainerin in Inzell, seit dem 1. August 2026 ist sie Allround-Bundestrainerin. Kritiker sprechen bei der Konstellation – Präsident und Bundestrainerin als Paar – von Vetternwirtschaft. Im Spitzensport ist es jedoch üblich, dass erfolgreiche Athleten nach der Karriere im Verband Aufgaben übernehmen. Die Besonderheit hier: ein Liebespaar an der Spitze.
Noch nicht am Ende
Bei den Olympischen Spielen in Mailand 2026 saß Pechstein noch auf der Tribüne. Nach eigenen Andeutungen könnte sie bei den Winterspielen 2030 in Heerenveen wieder auf dem Eis stehen. Die Geschichte der beiden ist also noch nicht zu Ende geschrieben – privat wie sportlich.



