Jan Ullrich wurde bei seiner Rückkehr zur Tour de France nach 20 Jahren wie ein Superstar empfangen. Der einzige deutsche Tour-de-France-Sieger und geständige Doper erlebte im Zielort der 14. Etappe in Le Markstein einen bewegenden Moment: „Ulle“-Sprechchöre schallten ihm entgegen, als er ein Interview am Streckenrand gab. Trotz eines Unwetters mit Donner und Starkregen fühlte sich der gebürtige Rostocker sichtlich wohl, winkte deutschen Fans zu und posierte für Fotos. Die Szenen erinnerten an seine Glanzzeit nach dem Toursieg 1997.
Schlaflose Nacht vor dem Besuch
Ullrich, der 2006 wegen Verbindungen zum Dopingarzt Eufemiano Fuentes von der Tour ausgeschlossen wurde, gab zu, vor seinem ersten offiziellen Etappenbesuch als Zuschauer eine schlaflose Nacht gehabt zu haben. „Ich habe gestern tatsächlich eine schlaflose Nacht gehabt“, berichtete der Olympiasieger von 2000. Er habe sich gefragt: „Komme ich da auch mit dem Auto hin oder komme ich da überhaupt rein?“ Die Anspannung wich jedoch schnell der Begeisterung der Fans.
Beliebtheit und Familie im Fokus
„Es fühle sich schon gut an. Ich bin überall immer noch sehr beliebt“, sagte Ullrich. „Meine Kids und ich waren sehr beeindruckt, wie gut ich aufgenommen werde.“ Zwei seiner Teenager-Söhne, die in seine Fußstapfen getreten sind und bereits bei deutschen Meisterschaften starteten, begleiteten ihn. Am Start ließ Ullrich seinen Nachwuchs mit Radprofis interagieren; einige Stars verewigten sich auf den weißen Fahrradschuhen seines Sohnes. Mit Superstar Tadej Pogacar sei er befreundet, so Ullrich.
Annäherung an die Tour-Organisation
Auch das Verhältnis zur Tour-Organisation ASO bessert sich. „Wir kommen uns immer näher“, sagte der frühere Zeitfahr-Weltmeister. „Unser Traum ist, dass wir uns im Winter mal zusammensetzen und mal gucken, was wir da machen können.“ Bei einer früheren Anfrage für eine Doku habe die ASO noch abgelehnt, weil sie nicht wussten, was er in der Doku zeigen wolle. „Aber ich glaube, wenn sie das alles gesehen haben, dann sehen sie ja, dass ich da den Radsport liebe und auch nichts Schlimmes will.“
Umgang mit der Dopingvergangenheit
Ullrich, der 2023 in einer Dokumentation Doping einräumte, sprach offen über seine langjährige Leidenszeit. „So schwer, dass ich über viele Jahre zu der Depression gekommen bin“, sagte er der ARD. „Ich habe mir das nicht vorstellen können, dass ich das irgendwie mal der breiten Masse praktisch auch preisgebe. Ich wollte das mit mir selbst ausmachen. Ich habe das ständig in mich reingefressen, habe Riesenprobleme gekriegt, wie jeder weiß.“ Reinen Tisch zu machen, sei „die beste Sache gewesen, die ich machen konnte“.
Blick auf den heutigen Radsport
Ullrich bezeichnete die Doping-Ära als „dunkle Epoche“ des Radsports. Die heutige Generation hält er für sauber: „Diese ganzen Kontrollen sind noch mal mehr geworden und auch die Strafen sind höher geworden, was ich auch gut finde. Und ich glaube, man hat daraus gelernt, auf alle Fälle.“ Der 52-Jährige würde gerne heute noch einmal Radprofi sein: „Ja, es juckt. Mich würde es schon mal reizen. Also wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich noch mal antreten.“ Er habe damals „super viele Kilometer falsch trainiert“ und verwies auf Fortschritte bei Aerodynamik, Kleidung und Ernährung.



