Seit Sonntag ist es amtlich: Claudia Pechstein übernimmt den Posten der Bundestrainerin Mehrkampf bei der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG). Zuvor hatte die 54-Jährige die Aufgabe kommissarisch ausgeübt, nun wurde sie zur Dauerlösung. Der Verband begründete die Entscheidung mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Spitzensport, ihrer fachlichen Qualifikation und der Trainerausbildung beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Doch die Personalie hat eine doppelte Brisanz: Präsident der DESG ist Matthias Große – Pechsteins Lebensgefährte seit mehr als 15 Jahren.
Ein ungewöhnliches Paar an der Verbandsspitze
Die Geschichte der beiden begann ausgerechnet in einer der schwierigsten Phasen ihrer Karriere. Nach der umstrittenen Dopingsperre gegen Pechstein im Jahr 2009 stellte sich der Immobilienunternehmer Große öffentlich an ihre Seite. Er organisierte Solidaritätsaktionen, unterstützte sie im Kampf gegen die Vorwürfe und wurde später auch ihr sportlicher Betreuer. Aus dem Unterstützer wurde der engste Vertraute – und aus der Zusammenarbeit entstand eine private Beziehung, die bis heute hält.
Große, gebürtiger Brandenburger, hatte ursprünglich eine Militärlaufbahn in der DDR eingeschlagen. Nach der Wiedervereinigung machte er sich als Unternehmer und Investor selbstständig. Im Sport trat er zunächst nur als Förderer und Mentor in Erscheinung, bevor er selbst Macht im Verband übernahm.
Vom DDR-Soldaten zum Verbandspräsidenten
Im Jahr 2020 wurde Große zunächst kommissarischer Präsident der DESG, wenig später bestätigten ihn die Mitglieder mit großer Mehrheit im Amt. Seitdem prägt er die Entwicklung des Verbandes maßgeblich. Unter seiner Führung wurden Trainerstrukturen verändert, die Geschäftsstelle nach Berlin verlegt und zuletzt eine umstrittene Strukturreform auf den Weg gebracht. Genau diese Reform und der Umgang mit Athleten hatten in diesem Jahr für Unmut gesorgt.
Vorwürfe gegen Große: mangelnde Transparenz
Für zusätzliche Brisanz sorgt eine Recherche der ARD-Sportschau aus diesem Jahr. Darin wurde dem Verband unter Große mangelnde Transparenz und problematische Zustände im Umgang mit Athleten vorgeworfen. Die Kritik richtete sich unter anderem gegen die Kommunikation mit den Sportlerinnen und Sportlern sowie gegen die Art, wie interne Entscheidungen kommuniziert würden.
Dass nun ausgerechnet unter seiner Präsidentschaft die Entscheidung zugunsten seiner Lebensgefährtin für den Bundestrainerjob fällt, dürfte die Kritik an Große weiter anheizen. Bei einer solchen Personalentscheidung liegen sportliche Verdienste und ein möglicher Interessenkonflikt logischerweise sehr nah beieinander. Selbst wenn die fachliche Qualifikation außer Frage steht, bleibt der Eindruck einer Vetternwirtschaft.
Kein Einzelfall im deutschen Spitzensport?
Die Konstellation, dass eine Trainerin oder ein Trainer in einem Verband angestellt wird, dessen Präsident der eigene Partner ist, ist ungewöhnlich, aber nicht ohne Beispiel. Doch gerade im Eisschnelllauf, wo der Verband ohnehin unter Beobachtung steht, hätte man sich mehr Sensibilität gewünscht. Die DESG hat bislang nicht angekündigt, eine externe Prüfung des Auswahlverfahrens zuzulassen.
Claudia Pechstein selbst hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Sie verwies lediglich darauf, dass sie ihre Arbeit als Trainerin mit vollem Engagement ausüben werde. Ob das reicht, um die Diskussionen zu beenden, bleibt fraglich. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Personalie sportlich trägt und ob der Verband das Vertrauen der Athleten zurückgewinnen kann.



