Der US-Technologiekonzern Apple sieht sich in Brasilien einer Zivilklage gegenüber, die Schadensersatzforderungen von mehr als 50 Millionen Euro umfasst. Kinderschutzorganisationen werfen dem Unternehmen vor, über seinen App Store Minderjährigen den Zugang zu getarnten Online-Casinos und Wettplattformen ermöglicht zu haben. Die Klage, über die das brasilianische Portal UOL berichtet, zielt auf eine grundlegende Verschärfung der Alterskontrollen für Glücksspiel-Apps ab.
Getarnte Apps: Vom Tier-Symbol zur Wettseite
Die Kläger führen als Beispiel die App „Casino Roulette: Roulettist“ an. Obwohl diese erst ab 18 Jahren freigegeben war, ließ sie sich nach Angaben der Klageschrift ohne Altersnachweis oder Gesichtserkennung öffnen. Nutzer konnten Spielchips für umgerechnet 3,40 bis 103 Euro erwerben. Die App war eine von vielen, die sich als harmlose Wetter- oder Tier-Apps tarnten und erst bei genauerem Hinsehen ihr wahres Gesicht zeigten.
Eine Untersuchung des Online-Magazins 9to5Mac deckte auf, wie systematisch diese Tarnung betrieben wird. Die Tester fanden 62 Apps, die weltweit unauffällig funktionierten, sich aber bei Zugriff über eine brasilianische IP-Adresse in Wettplattformen verwandelten. Besonders kritisch: Viele dieser Apps waren für alle Altersgruppen freigegeben. Die Entwickler nutzten häufig Tier-Symbole und Konten, die nur eine einzige App enthielten. Ein öffentliches GitHub-Verzeichnis dokumentierte sogar Anleitungen, wie solche Apps mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und Apples Prüfprozess umgangen werden können.
Forderungen der Kläger: Strengere Kontrollen und Strafzahlungen
Die Kläger fordern nicht nur Schadensersatz, sondern auch wirksame Altersverifikationen für sämtliche Casino-Apps. Neue Angebote ohne entsprechende Prüfung soll Apple gar nicht erst zulassen. Bereits verfügbare Apps sollen dauerhaft überwacht und die Ergebnisse halbjährlich dokumentiert werden. Sollte das Gericht dem Antrag folgen, hätte Apple zehn Kalendertage Zeit, die Maßnahmen umzusetzen. Nach Ablauf dieser Frist drohen tägliche Strafzahlungen von 500.000 Real (rund 85.500 Euro).
Die Klage wirft ein Schlaglicht auf ein wachsendes Problem: Immer mehr Glücksspiel-Anbieter nutzen legale App-Stores, um ihre Angebote zu verbreiten, und umgehen dabei die Altersbeschränkungen. Brasilien hat zwar seit Februar strengere Regeln für Online-Glücksspiele, doch die Durchsetzung bleibt schwierig. Apple verweist auf seine Regeln, die versteckte Funktionen verbieten, und betont, bereits 25 ähnliche Apps samt Entwicklerkonten gesperrt zu haben.
Apple kündigt Softwareupdate für Altersprüfung an
Gegenüber UOL kündigte Apple an, in den kommenden Monaten eine verbesserte Altersprüfung per Softwareupdate für alle Nutzer in Brasilien bereitzustellen. Details, wie sich diese Funktion von den bestehenden Kontrollen unterscheidet, nannte der Konzern nicht. Zudem verweist Apple auf die Familienfreigabe, mit der Eltern Kinderkonten einrichten und Downloads, Käufe, Inhalte sowie Nutzungszeit kontrollieren können.
Die Entscheidung über strengere Schutzmaßnahmen liegt nun beim Gericht. Sollte Apple zu umfassenden Änderungen verpflichtet werden, könnte dies weitreichende Folgen für den App-Store-Betrieb in Brasilien haben – und möglicherweise auch andere Länder beeinflussen. Der Fall zeigt, wie wichtig wirksame Alterskontrollen im digitalen Zeitalter sind, insbesondere wenn es um Glücksspiel und den Schutz Minderjähriger geht.



