Ein europäisches Forschungsprojekt unter Beteiligung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) erarbeitet konkrete Empfehlungen, wie soziale Netzwerke für Kinder und Jugendliche sicherer gestaltet werden können. Erste Befunde zeigen: Reine Altersbeschränkungen wie in Australien greifen zu kurz, und junge Nutzer wünschen sich selbst eine Regulierung.
Das Projekt „Promise“: Drei Ansätze zur Regulierung
Adrian Meier, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der FAU, und seine Doktorandin Eva Ziegltrum leiten das Projekt „Promise“. Seit mehr als einem Jahr forschen sie gemeinsam mit Partnern in Österreich, der Schweiz, Estland, Spanien und Großbritannien. Das Projekt gliedert sich in drei Stufen: Zugang, Nutzung und Design.
Beim „Zugang“ geht es darum, wie Nutzerinnen und Nutzer überhaupt zu den Apps gelangen. Die „Nutzung“ umfasst Maßnahmen wie Handyverbote in Schulen. Das „Design“ der Plattformen ist das dynamischste und am wenigsten erforschte Feld – es befasst sich mit Algorithmen, sucht- und gewohnheitsfördernden Designs und dem Schutz vor missbräuchlichem Verhalten.
Kinder und Jugendliche im Dialog: Überraschende Erkenntnisse
Die Forschungsteams sprechen nicht nur über Kinder und Jugendliche, sondern auch mit ihnen. In Diskussionsrunden mit den sechs Projektpartnern zeigten sich bemerkenswerte Ergebnisse. In der Altersgruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen besaßen laut Ziegltrum mehr als zwei Drittel ein eigenes Smartphone, fast alle mit installierten Social-Media-Apps – oft ohne Wissen der Eltern, obwohl die offiziellen Altersgrenzen bei 13 oder 14 Jahren liegen.
„Die wichtigste Erkenntnis war für mich, dass die Kinder schon viel Ahnung von den Plattformen haben“, sagt Ziegltrum. „Es hat mich schockiert, wie bewusst ihnen war, dass sie zum Beispiel anfällig für Grooming sind.“ In den Gesprächen seien sogar Begriffe wie Pädophilie gefallen.
Jugendliche kritisieren Algorithmen und Endlos-Scrollen
Die 13- bis 17-Jährigen nahmen vor allem Algorithmen und Short-form-Content als problematisch wahr. Allerdings empfinden sie es gleichzeitig als angenehm, sich berieseln zu lassen und lange zu scrollen. Die 18- bis 25-Jährigen bewerten Social Media kritischer: Sie würden unendliches Scrollen sofort verbieten – ein Mechanismus, der erst seit wenigen Jahren existiert.
Eva Ziegltrum fasst die ersten Gesprächsrunden zusammen: „Ich hatte das Gefühl, dass sich alle befragten Kinder und Jugendlichen eine Form der Regulierung wünschen – und dass es sichere Orte gibt, die nicht süchtig machen.“
Suchtdiskussion: Gewohnheit statt klinische Sucht
Der Begriff „Social-Media-Sucht“ ist wissenschaftlich umstritten. Adrian Meier bevorzugt den Begriff „gewohnheitsförderndes Plattformdesign“. „Studien finden tendenziell, dass nur wenige Nutzerinnen und Nutzer ein klinisch relevantes Ausmaß an problematischer Nutzung von Social Media haben“, erklärt er.
In der dritten Projektstufe, der Experimentalstudie, wollen die Forschenden technische Lösungen auf Smartphones installieren – etwa einen chronologischen statt algorithmischen Feed. Konkrete Policy-Empfehlungen will „Promise“ bis 2028 vorlegen.
Kritik an Australiens Altersgrenzen
Meier sieht bereits jetzt ab, dass eine reine Altersbeschränkung wie in Australien nicht tragen wird. „Sie ist schwer zu überprüfen und leicht zu umgehen“, sagt er. Auch die EU-Kommission empfahl kürzlich ein Verbot für unter 13-Jährige, doch die Wissenschaft in Europa schaut differenzierter auf die Risiken.
„Es ist erfreulich zu sehen, dass man sich nicht mit der Illusion zufriedengegeben wird, dass eine Altersgrenze ab 16 alle Probleme löst“, so Meier. Die Expertenkommission empfahl sogar Maßnahmen für „Social Media Plus“, also auch für Online-Gaming.
Digital Services Act als Schlüssel
Meier und Ziegltrum sehen in der EU einen wichtigen Player. Der Digital Services Act (DSA) verpflichtet Plattformen zu mehr Transparenz und Schutz der Nutzer. Sie fordern, dass Plattformen Forschenden anonymisierte Daten zugänglich machen. „Aus forschender Perspektive ist es frustrierend, wenn man merkt, dass die Plattformen alles erheben und Daten vorliegen haben – und wir vieles selbst erarbeiten müssen“, sagt Ziegltrum.
Statt nur auf Altersverbote zu setzen, empfehlen sie Maßnahmen zur Begrenzung mit Fokus auf Plattformdesign, Stärkung der Medienkompetenz und ein stufenweises Heranführen an Social Media. Vor allem sollten die Betroffenen einbezogen werden: „Kinder und Jugendliche sind, was ihre Mediennutzung angeht, reflektierter, als man annehmen würde“, betont Ziegltrum.



