Der Video Assistant Referee (VAR) steht bei der Fußball-Weltmeisterschaft erneut im Zentrum der Kritik. Nach dem aberkannten Tor von Jonathan Tah im Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay beklagten Bundestrainer Julian Nagelsmann und Spieler eine „Frechheit“ und einen „Vollskandal“. Die Diskussion um die Entscheidungsfindung des VAR und seiner Video-Schiedsrichter hat sich zu einem der großen Themen dieser XXL-WM entwickelt.
Keine klare Linie beim VAR-Eingriff
Der größte Vorwurf lautet, dass keine einheitliche Linie für das Eingreifen des VAR zu erkennen sei. Die britische BBC stellte in einem Online-Bericht die Frage: „Ist der VAR bei der Weltmeisterschaft zu einer Lotterie geworden?“ Mehrere Experten, insbesondere deutsche, kritisierten, dass die nicaraguanische Video-Schiedsrichterin Tatiana Guzmán beim DFB-Spiel gegen Paraguay nicht hätte eingreifen dürfen. Der Fußball-Weltverband FIFA verteidigte hingegen die Entscheidung und verwies auf die korrekte Auslegung der Regel, die nicht nur Stoßen und Schubsen umfasse.
Schiedsrichterchef Pierluigi Collina schrieb in einem FIFA-Beitrag: „Wenn ein angreifender Spieler kein Interesse am Ball hat und die Laufbewegung eines Gegenspielers bewusst behindert, sollten die Schiedsrichter und – falls erforderlich – auch der VAR die Situation sorgfältig analysieren und eingreifen.“ Trainer und Spieler seien darüber informiert worden, „daher sollte es keine Überraschung sein, wenn Schiedsrichter solche Vergehen ahnden“.
Ghanas Trainer Queiroz übt scharfe Kritik
Ghanas Trainer Carlos Queiroz äußerte sich nach dem 0:0 im Gruppenspiel gegen England ironisch: „Wieder einmal hat der VAR einen Kaffee getrunken.“ Der 73-jährige Portugiese erklärte: „Das ist verständlich, ich würde mir auch ab und zu gern einen Kaffee gönnen, aber es war ein klarer Elfmeter, Rote Karte.“ In der Szene hatte Englands Verteidiger Ezri Konsas den zum Tor eilenden Prince Adu energisch vom Schuss abgehalten. Queiroz fragte sarkastisch: „Haben wir den Videobeweis überhaupt noch? Funktioniert er noch?“ Zehn Jahre nach der Einführung der Technik gebe es „keine Entschuldigung“ dafür, dass er noch nicht besser funktioniere.
Mehr Kameraperspektiven, aber nicht alle sichtbar
Bei dieser WM sind 30 Video-Schiedsrichter im Einsatz, die die Spiele am Standort in Dallas an zahlreichen Monitoren mit verschiedenen Perspektiven verfolgen. Ex-Schiedsrichter Patrick Ittrich wies darauf hin, dass nicht alle Perspektiven auch im TV-Livebild gezeigt werden: „Wir kriegen nur zwei Kameraeinstellungen immer zu sehen, die die FIFA uns ausspielt.“ Dies könne zur Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und der Entscheidung des VAR führen.
Schnellere Überprüfungen, aber Fehler bleiben
Anfangs lief der VAR bei der WM besser als erwartet, insbesondere die im Vergleich zu nationalen Ligen geringere Überprüfungszeit wurde positiv bewertet. Grund dafür ist unter anderem, dass bei der WM drei statt wie in der Bundesliga zwei Videoassistenten im „Keller“ sitzen. Zudem erhalten Schiedsrichter bei der automatischen Abseitserkennung eine sofortige Rückmeldung aufs Ohr, wenn ein Spieler mehr als zehn Zentimeter im Abseits steht.
Dennoch schlichen sich schwer erklärbare Fehler ein: Ein rotwürdiges Foul von Argentiniens Superstar Lionel Messi bei seiner Drei-Tore-Gala gegen Algerien blieb ungeahndet, ebenso das Foul von Aleksandar Pavlovic vor Leroy Sanés Tor gegen Ecuador. Auch ein klarer Elfmeter nach einem Foul am Franzosen Kylian Mbappé im Spiel gegen Senegal wurde nicht gegeben.
Rangnicks Verdacht: Favoriten bevorzugt?
Österreichs Nationaltrainer Ralf Rangnick äußerte einen indirekten Vorwurf: „Es drängt sich der ungute Verdacht auf, dass ein bisschen gezögert wird, wenn es um die Favoriten geht.“ Er kritisierte das „nicht sehr einheitliche“ VAR-Eingreifen. Der Vorwurf lässt sich jedoch nicht belegen.
FIFA-Leitbild: Minimaler Eingriff für maximalen Nutzen
Bei der Einführung der Videotechnik lautete das Leitbild der FIFA um Pierluigi Collina: „Minimaler Eingriff für maximalen Nutzen.“ Doch gefühlt ist das Schiedsrichterwesen von diesem Anspruch weit entfernt. Ein Grund könnte sein, dass sich der Hauptschiedsrichter zu sehr auf den VAR als Absicherung verlässt. Ex-Weltklasse-Schiedsrichter Markus Merk sagte im RND-Interview: „Mit dem Navi fährt es sich im Auto auch manchmal ein bisschen zu bequem. Früher wären Unparteiische für gewisse Fehler nach Hause geschickt worden, während man heute sagt: super gesehen nach VAR-Eingriff.“
Der VAR hat bei dieser WM sogar mehr Befugnisse als je zuvor. Er darf die zweite Gelbe Karte eines Spielers überprüfen, die zu einem Platzverweis führt – diese Überprüfung wird auch in der 1. und 2. Bundesliga übernommen. Zudem darf der Video-Assistent bei der WM auch Eckstöße überprüfen.



