Etwa zehn Meter von einem Gartenzaun entfernt liegt das Massengrab im westpolnischen Dorf Łośno – unweit der deutschen Grenze, rund 35 Kilometer östlich von Küstrin-Kietz in Brandenburg. Hier haben Archäologen des Vereins Pomost die sterblichen Überreste von 31 Wehrmachtssoldaten geborgen. Die ein bis eineinhalb Meter tiefe Grube war Anwohnern seit Jahren bekannt; erst jetzt führten Augenzeugenberichte das Grabungsteam zu der verscharrten Stelle.
Beim Freilegen der Gebeine fallen sofort die dunklen Stiefel der Toten auf. Absatz und Lederschaft sind mehr als acht Jahrzehnte nach Kriegsende noch gut erhalten. Neben den Skeletten entdecken die Forscher persönliche Gegenstände: Spiegel mit Werbeaufschriften, Füllfederhalter, Bleistifte und Brillen. Eine Polizeistreife sichert eine Granate und Munition. Laut den Experten vor Ort weisen etliche Schädel Einschusslöcher auf.
Ein Bagger rattert, während die Archäologen mit Schaufeln und Pinseln arbeiten – ein mühsames Unterfangen an einem heißen Julitag. Nach mehr als acht Stunden Grabung steht fest: 31 Tote sind in der Grube verscharrt worden.
100.000 Tote warten noch auf Bergung
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schätzt, dass in Polen noch rund 100.000 gefallene Soldaten unentdeckt unter der Erde liegen. Mehr als 170.000 Tote des Zweiten Weltkrieges wurden nach Angaben der Organisation in den vergangenen 25 Jahren bereits exhumiert und auf Sammelfriedhöfe umgebettet. Das Team von Pomost sucht seit mehr als 20 Jahren im Auftrag des Volksbundes in Westpolen nach Kriegstoten.
Die Arbeiten stützen sich auf ein deutsch-polnisches Abkommen. Der Volksbund kooperiert dabei eng mit dem Verein, dessen Name auf Deutsch „Brücke“ bedeutet. Die Bergung der Toten berührt ein weiterhin sensibles Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen: den Umgang mit den Folgen der deutschen Besatzung und des Vernichtungskrieges gegen Polen. Die Wehrmacht führte diesen Krieg mit großer Brutalität.
Spuren einer dramatischen Geschichte
Was sich an der Stelle des Massengrabes genau ereignet hat, bleibt zunächst ungeklärt. Diane Tempel-Bornett, Sprecherin des Volksbundes, sagt: „An den Beifunden sehen wir ganz klar, dass es sich um Wehrmachtssoldaten handelt.“ Die Region um den Fundort hat eine bewegte Geschichte: Das benachbarte Gorzów Wielkopolski, das frühere Landsberg/Warthe, war Militärstandort. Historikern zufolge besetzte die Rote Armee die Stadt am 30. Januar 1945. Im Mai 1945 wurde dort ein sowjetisches Speziallager eingerichtet.
Erkennungsmarken als Schlüssel zur Identität
Die Archäologen finden in Łośno insgesamt zwanzig Erkennungsmarken, die deutsche Soldaten als nummerierte Anhänger trugen. Diese Marken sind zentrale Identifizierungsmerkmale. Sie werden im Bundesarchiv in Berlin-Tegel untersucht, um sie einer Person zuzuordnen. „Wir kennen dann die Namen“, hofft der polnische Archäologe Maksymilian Frąckowiak bei seiner Spurensuche. Die Nummern auf den Marken dienen als eindeutiger Anhaltspunkt für die Zuordnung.
Das Bundesarchiv kann dabei auf umfangreiche Bestände zurückgreifen. Es ist auch zentrale Anlaufstelle für historische Dokumente und Informationen zur deutschen Geschichte. Ein Sprecher teilt mit: „In den vergangenen Jahren hat das Bundesarchiv jährlich bei der Klärung von mehreren Hundert Einzelschicksalen helfen können.“ Der Historiker Holm Kirsten, Leiter der historischen Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald, betont: „Auch die Angehörigen von Wehrmachtssoldaten haben einen Anspruch darauf, das Schicksal ihrer Väter und Großväter geklärt zu bekommen.“
Versöhnung statt Urteil
Für Tomasz Czabański, der die Suche in Łośno leitet und den Verein Pomost gründete, steht nicht die Frage nach Schuld im Vordergrund. „Das ist kein Ort für Tote“, sagt er. Mitten bei den Arbeiten am Rande der ausgehobenen Grube erklärt er auf Deutsch: „Wir wissen nicht, ob das gute oder schlechte Leute sind.“ Tausende Kriegstote hat er bereits geborgen. Sein Einsatz gilt als wichtiger Beitrag zur deutsch-polnischen Versöhnung; dafür wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Die Gebeine der 31 Soldaten sollen später auf einer deutschen Kriegsgräberstätte in Polen umgebettet werden. Ein Einwohner, der bei der Bergung vorbeikommt, sagt, die Stelle sei den Menschen im Dorf seit vielen Jahren bekannt. Erst jetzt jedoch hat die systematische Suche der Archäologen die Toten ans Licht gebracht – als weiteres Mosaiksteinchen in der späten Aufarbeitung eines brutalen Krieges.
Die Exhumierung in Łośno zeigt, wie viele Schicksale noch immer im Boden schlummern. Jeder geborgene Soldat bedeutet für die Nachkommen vielleicht eine lange gesuchte Antwort. Die Arbeit der Archäologen und des Volksbundes bleibt ein wichtiger Teil der Versöhnung zwischen Deutschland und Polen.



