Ein Forschungsteam der Soochow-Universität im chinesischen Suzhou hat herausgefunden, dass sich das Gehirn bei chronischem Tinnitus an die ständigen Ohrgeräusche anpasst. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Tinnitus verschiedene Stadien durchläuft und das Gehirn langfristig mit Entlastungsmechanismen reagiert.
Was ist Tinnitus?
Tinnitus ist ein Symptom, bei dem Betroffene Geräusche wahrnehmen, die keine äußere Schallquelle haben. Die Ohrgeräusche können sich als Pfeifen, Klingeln, Rauschen, Klicken, Summen oder tiefes Brummen äußern. Sie können kurzzeitig auftreten oder dauerhaft bestehen, ein- oder beidseitig. In Deutschland gilt Tinnitus als chronisch, wenn das Geräusch länger als drei Monate ununterbrochen anhält.
Studiendesign und Methodik
Die Untersuchung umfasste 45 Teilnehmende: 15 mit akutem Tinnitus (unter sechs Monaten), 15 mit chronischem Tinnitus (über sechs Monate) und 15 tinnitusfreie Kontrollpersonen. Alle Tinnitus-Betroffenen hatten keinen erkennbaren Hörverlust. Mittels Elektroenzephalografie (EEG) wurde zehn Minuten lang die Gehirnaktivität im Ruhezustand gemessen.
Das Team um Meng-Fang Gong wollte feststellen, welche Hirnregionen aktiviert sind und wie großflächige Hirnnetzwerke ein- und ausgeschaltet werden. Bisher ging man davon aus, dass Tinnitus zu einem erhöhten Erregungszustand führt, der emotional als Bedrohung eingestuft wird und Stress verursacht.
Ergebnisse: Unterschiedliche Aktivitätsmuster
Bei akutem Tinnitus zeigte sich eine deutlich höhere Aktivität im Salienznetzwerk, das Reize filtert und die Ohrgeräusche als wichtig oder gefährlich einstuft. Gleichzeitig war die Aktivität im zentralen Exekutivnetzwerk reduziert, das für zielgerichtetes Handeln und das Ignorieren von Ablenkungen zuständig ist.
Bei chronischem Tinnitus änderte sich dieses Muster: Die Netzwerke pendelten sich in ein stabileres Gleichgewicht ein. Die Forschenden interpretieren dies als neuroplastische Anpassung des Gehirns, eine Reorganisation der Aktivitäten als Reaktion auf die anhaltenden Geräusche.
Bedeutung für die Therapie
Diese Reorganisation führt nicht dazu, dass die Ohrgeräusche verschwinden oder leiser werden. Sie zeigt jedoch, dass sich das Gehirn an eine neue Normalität anpasst. Die Forschenden schreiben, dass das Gehirn chronisch Betroffener mit einem Ausgleichsmechanismus reagiert. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal "iScience" veröffentlicht.
Obwohl die Studie keine Beweise liefert, geben die Ergebnisse Hinweise darauf, dass bei neuen Tinnitus-Therapien die Dauer der Symptome berücksichtigt werden muss. Die Studie legt nahe, dass Behandlungen je nach Stadium des Tinnitus unterschiedlich wirken könnten.



