Georg-Büchner-Preis 2026: Christine Wunnicke ausgezeichnet
Büchner-Preis 2026 für Christine Wunnicke

Die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke wird mit dem Georg-Büchner-Preis 2026 ausgezeichnet, der höchsten literarischen Auszeichnung Deutschlands. Die Entscheidung der Jury aus Darmstadt gilt als folgerichtig, nachdem Wunnicke in den letzten Jahren mit mehreren preisgekrönten Romanen und einer wachsenden Leserschaft auf sich aufmerksam gemacht hat. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird am 24. Oktober im Staatstheater Darmstadt verliehen.

Vom Geheimtipp zur Bestsellerautorin

Lange galt Christine Wunnicke als Geheimtipp im Literaturbetrieb, auch wenn ihre Romane bereits mehrfach auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis standen. Der Durchbruch gelang ihr 2020 mit dem Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“, der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Seither erhielt sie den Münchner Literaturpreis, den Wilhelm-Raabe-Preis und zuletzt den Jean-Paul-Preis. Ihr 2025 erschienener Roman „Wachs“ über die Freundschaft der Malerin Madeleine Francoise Basseporte und der Anatomin Marie Biheron im Paris des 18. Jahrhunderts entwickelte sich zum Bestseller und stand erneut auf der Buchpreis-Shortlist.

Brillante Kunst zwischen Historie und Fiktion

Die Jury begründet ihre Entscheidung mit Wunnickes „brillanter Kunst“, die „im vermeintlich Historischen das Fiktionale sichtbar“ mache. Sie ermögliche „einen entlarvenden Blick auf die europäische Wissenschafts- und Kolonialgeschichte, ohne dabei die Empathie für ihre Figuren zu verleugnen“. Wunnicke schreibt bevorzugt historische Romane, jedoch genreuntypisch knapp und ohne übermäßige Einfühlung. Sie konzentriert sich auf Wissenschaftler, Künstlerinnen und Entdecker, die oft auf Abwege geraten – etwa in den Irrgarten von Spiritismus und Parapsychologie.

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Lakonischer Ton und queere Perspektive

In „Wachs“ schildert Wunnicke die Liebe zwischen den beiden Protagonistinnen mit lakonischem Ton: „Sie sagte viele Dinge, den üblichen Unsinn, den man spricht bei der Liebe, ‚meine Rose, meine Clematis, meine Iris tuberosa‘, und Madeleine murmelte, ‚nicht reden, nicht reden‘, dann machte sie wieder ‚mmh‘.“ Wunnicke selbst bekannte in einem seltenen Interview: „Ich habe vielleicht einen queeren Blick.“ Ihre Romane behandeln immer wieder homosexuelle Beziehungen und sexuelle Identitäten, etwa in ihrem Debüt „Fortescues Werk“ oder der Cyber-Moritat „Serenity“.

Widerstände und Eigensinn

Ein wiederkehrendes Motiv ist der Kampf gegen Widerstände. In „Wachs“ schreibt Basseporte in einem Brief an den Naturforscher Carl von Linné: „Frauen, vermute ich, werden deshalb in allem so gut, weil man es ihnen so schwer macht.“ Die Jury spricht von Wunnickes „unbekümmertem Eigensinn“ und der „Verblüffungskraft“ ihres Werks. Ihr Stil gilt als unprätentiös, ihre Stoffe als nie ausladend – und dennoch unterhaltsam.

Öffentlichkeitsscheue Autorin

Christine Wunnicke, 1966 in München geboren, studierte Psychologie und Linguistik und arbeitete mehrere Jahre in der Wissenschaftsverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft. Sie übersetzte englische Barockdichter und verfasste Rundfunkarbeiten über Barockmusiker. Öffentliche Auftritte meidet sie jedoch: Zur Verleihung des Deutschen Buchpreises 2025 in Frankfurt musste sie mit viel Zureden bewegt werden. Mit dem Georg-Büchner-Preis wird sie nun wohl nicht umhin kommen, am 24. Oktober eine Dankesrede zu halten.

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