Zwischen dem 10. und 19. Juni hat Caro Klein 20 Bücher veröffentlicht. Jedes Werk hat einen Umfang von gut 60 bis knapp 100 Seiten. Die Themenliste liest sich wie ein Rundumschlag durch das gesamte Ratgeber-Segment: Pilates, E-Bikes, proteinreiche Ernährung, Cortisol Detox, Abnehmspritzen, Fasten, die „5 Zutaten Airfryer Diät“, Hämopyrrollaktamurie, Nähen, Esoterik, Cannabisanbau, Flugangst, Zahnarztangst, bipolare Störung, Tipps für werdende Väter, Mini-Haus-Bau, Gestaltung für Balkon, Terrasse und Vorgarten, der Ausstieg aus dem Hamsterrad sowie erfolgreiches Auswandern. Bei Amazon steht dazu die „Verlagsempfehlung: ab 1 Jahr(en)“. Kolumnist Thomas Schmoll kommentiert das mit einem sarkastischen „Großartig!“.
Auf der Plattform Thalia präsentiert sich Klein als „erfahrene Autorin, Speakerin und Expertin für ganzheitliche Gesundheit, Lebensberatung und Sport“. Sie verbinde „medizinisches Grundlagenwissen mit praktischer Alltagstauglichkeit und psychologischem Feingefühl“, heißt es in ihrer Selbstbeschreibung. Im Fokus ihrer Arbeit stehe „der Mensch als Ganzes – körperlich, mental und emotional“. Das klingt nach einer Universalgelehrten, die in zehn Tagen mehr schreibt, als andere in einem Jahr schaffen.
Ein Gespenst geht um in Europa
Schmoll, der seine Kolumne liebevoll „Schmoll-Ecke“ nennt, sieht sich durch den Fall Klein in seinem Unmut über den Journalismus bestätigt: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kolumnismus.“ Doch nicht nur das: Für eine frühere Kolumne über Friedrich Merz, in der er eine „Kanzlerdämmerung“ ausgemacht hatte, musste sich der Autor heftige Vorwürfe anhören. Ein Leser schrieb ihm: „Sie sind mit schuld wenn Höcke in 20 Jahren noch immer regiert, kriege führt, leute umbringt, bespitzelt, mundtot macht und in Deutschland keiner mehr was dagegen unternehmen kann wie bei Honecker oder wie in Russland bei putin.“ Der Brief endet mit den Worten: „Sie läuten unseren Untergang ein.“
Schmoll reagiert mit Verwunderung: „Auf den Gedanken wäre ich wirklich nicht gekommen, dass meine Kritik an einem Kanzler, der erkennbar Murks produziert, direkt in ein Viertes Reich führt.“ Seine Intention sei das Gegenteil gewesen. Er verweist auf den Musiker Danger Dan, der zusammen mit seinem Pianisten vorgeschlagen habe, die AfD samt Wählern gewaltsam zu beseitigen – eine Idee, die Schmoll nicht teilt. Der Pianist sei sogar Träger des Bundesverdienstkreuzes, ausgezeichnet für „künstlerisches Wirken, gesellschaftspolitisches Engagement und Solidarität mit anderen“. Wenn diese Maßstäbe gelten, müsste Schmoll nach eigener Aussage längst einen Orden in Schloss Bellevue tragen.
Wutbürger in allen Lagern
Die aggressive Leserreaktion sei für ihn nicht neu. Als er das Ende der Kanzlerschaft von Olaf Scholz vorhersagte, hätten ihm SPD-Anhänger vorgeworfen: „Damit helfen Sie der AfD.“ Schmoll entgegnet trocken: „Als bräuchte die mich, um ihre Müllkübel auszuschütten und Kotzbeutel zu füllen.“ Das Prinzip von Ursache und Wirkung gelte offenbar weder für die SPD noch für die CDU. Allerdings habe er nicht erwartet, dass unter Merz-Fans verbal-aggressive Wutbürger sind. Für ihn sei Konservatismus eigentlich gleichbedeutend mit Anstand und Respekt. Und den Traum von einem Leben wie früher, als auf den Feldern noch Weizenhalme gen Himmel ragten, beschreibt er mit dem ironischen Slogan: „Make Germany frei von Windrädern again!“
Der Kolumnist hadert auch privat mit seinem Beruf: „Ich kann nur schreiben und Leuten helfen, Bücher zu konzipieren.“ Zum Umsatteln ist es seiner Meinung nach zu spät. Taxifahrer, Uber-Fahrer, Klempner – das alles kommt nicht infrage. Eine Rückkehr zum Drechslerhandwerk scheitert an seinem Rücken. Und als Bankräuber oder Schlepper könnte er nicht schlafen, „auch wenn die Bilder aus Ceuta belegen, dass es in dem Gewerbe nach wie vor einiges zu holen gibt“.
Das Phänomen Caro Klein
Angesichts der Produktivität von Caro Klein fühlt sich Schmoll wie ein Idiot, der stundenlang an einer einzigen Kolumne fummelt, während die Autorin „ein Buch nach dem anderen der Öffentlichkeit vorlegt – und das alles viel schneller, als Friedrich Merz sein Kabinett umbaut“. Er bewundert nicht nur ihr Tempo, sondern auch ihre „monströse Geschwindigkeit beim Recherchieren, falls sie die Inhalte nicht sowieso komplett im Kopf hat“. Die offizielle Selbstbeschreibung als allwissende Humanistin, die den Menschen als Ganzes sieht, nimmt er mit ironischem Applaus zur Kenntnis.
Doch je tiefer Schmoll gräbt, desto rätselhafter wird die Erfolgsautorin. Caro Klein hat nach seinen Recherchen nichts im Internet hinterlassen über sich, keine eigene Webseite. Ihr Name taucht bei keiner Agentur auf, die sie als Speakerin für Vorträge vermittelt. Dabei könnte sie, so Schmolls ironische Anregung, eine Keynote halten über das Thema: „Wie schlachtet man mittels KI gnadenlos das Wissen anderer aus, die studiert haben und monatelang an Büchern sitzen?“ – ein grandioser Beitrag zu den Herausforderungen der Gegenwart, eben typisch Caro Klein.
Fazit: Ein Rätsel bleibt
Ob Caro Klein ihre Bücher tatsächlich in Windeseile selbst schreibt, mit KI-Unterstützung arbeitet oder gar nicht existiert, lässt sich nicht abschließend klären. Fest steht: Ihre Veröffentlichungsoffensive zwischen dem 10. und 19. Juni hat ein Tempo vorgelegt, das so manchen Vielschreiber erbleichen lässt. Thomas Schmoll wird sich unterdessen weiter in seiner Schmoll-Ecke über die Zumutungen des Metiers ärgern. Doch eines stellt er klar: „Das wird er nie schaffen. Doch dafür klaut er nicht.“



