Gulagu.net: Ossetschkin friert Anti-Folter-Plattform ein
Gulagu.net: Ossetschkin friert Anti-Folter-Plattform ein

Sein Entschluss steht fest: Gulagu.net, die international bekannte Plattform gegen Folter im russischen Strafvollzug, wird vorerst keine neuen Enthüllungen mehr veröffentlichen. Wladimir Ossetschkin, Gründer und früherer Häftling, begründet das Einfrieren in einem Interview mit ntv.de mit einer globalen Krise des Völkerrechts – und mit der eigenen akuten Bedrohung. Die Plattform, die seit Jahren Folter in russischen Gefängnissen dokumentiert und nach dem 24. Februar 2022 auch Kriegsverbrechen an ukrainischen Gefangenen, sei nicht mehr handlungsfähig.

Vom unschuldig Inhaftierten zum Netzwerk-Gründer

Ossetschkin stammt aus Samara an der Wolga und studierte Jura, ohne abzuschließen. Mehr als vier Jahre saß er unschuldig im Gefängnis – mit Spätfolgen, wie er sagt: „Ich kam kahl und ohne Zähne aus der Haft.“ In derselben Zeit erlebte er, wie Kremlchef Putin Alexander Solschenizyn mit einem Orden ehrte. Die Botschaft war für ihn eindeutig: Der Westen sah in Putin einen demokratischen Präsidenten, während Regimekritiker unter fürchterlichen Bedingungen litten. Er wollte ein unabhängiges Netzwerk aus Angehörigen von Häftlingen, ehemaligen Gefangenen, Menschenrechtlern und Journalisten schaffen. 2011 gründete er Gulagu.net – „Nein zum Gulag“.

Der Bruch: Lefortowo und die Flucht

Der entscheidende Konflikt eskalierte 2015. Die Präsidialverwaltung verlangte, einen Kurator vom Inlandsgeheimdienst FSB zu akzeptieren; Ossetschkin weigerte sich dreimal. Über die Hotline meldeten Quellen, dass die nach dem Mord an Boris Nemzow festgenommenen Männer in Lefortowo gefoltert worden seien – mit Spuren von Fesseln und Elektroschocks. Zwei Tage zuvor hatte der FSB-Chef im Staatsfernsehen behauptet, die Männer hätten freiwillig gestanden. Als Ossetschkin ein Verfahren gegen die Sondereinheit forderte, wurde gegen ihn ermittelt. Am 9. September 2015 folgten Hausdurchsuchungen, die im Fernsehen übertragen wurden. Ein Jahr später gab es die beschlagnahmten Gegenstände zurück – die Redaktion hat Schreiben, die seine Unschuld bestätigen. Er und seine Frau verließen Russland für immer.

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Folterarchiv, Krieg und neue Ermittlungen

Im Exil wurde die Plattform zur Brücke ins Innere des Systems. Informanten kamen, weil sie wussten, dass Ossetschkin keine Quellen preisgibt. Der bekannteste Erfolg war das Folterarchiv von Sergej Saweljew aus einem Gefängnis in Saratow, das 2021 den Direktor des Straflagerdiensts den Posten kostete; Dutzende wurden entlassen, Sadisten verhaftet. Ende 2021 glaubte das Team noch an Reformen. Der russische Angriff auf die Ukraine zerstörte diese Hoffnung. Seitdem richtete sich die Arbeit auf zwei Großermittlungen: auf ein System von Folterlagern, in denen der FSB und der Straflagerdienst ukrainische Kriegsgefangene seit März 2022 flächendeckend folterten, und auf die Rekrutierung von Häftlingen für die Wagner-Truppe. Quellen aus dem Inneren sprachen von der Angst, zu „Faschisten des 21. Jahrhunderts“ zu werden. Eine Einsatzgruppe evakuierte Zeugen; deren Aussagen dienten später internationalen Ermittlern. Ein CNN-Reporter habe ihn damals gewarnt: „Entweder Sie veröffentlichen die größte Fälschung meines Lebens, oder Ihr Land stürzt wirklich in die Hölle.“ Es sei keine Fälschung gewesen, so Ossetschkin.

Zielscheibe russischer Dienste

Die Gefahr für den 44-Jährigen ist real. Frankreichs Behörden stufen ihn als eines der wichtigsten Anschlagsziele russischer Dienste in Europa ein; seit Jahren steht er unter Polizeischutz. Im Oktober 2025 wurden vier russische Agenten festgenommen, die seine Ermordung vorbereitet haben sollen; die Antiterror-Staatsanwaltschaft ermittelt. Ende Mai 2026 wurde ein weiterer Agent nahe seinem Haus gefasst. Seine Frau, Teile der Familie und des Teams stehen unter Schutz. Analysten sehen in ihm nach Alexej Nawalny das Ziel Nummer eins der russischen Dienste – weil er Kriegsverbrechen dokumentiert und wichtige Zeugen aus dem Verteidigungsministerium und dem Lagersystem außer Landes gebracht hat.

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„Wohin ich auch blicke, wir haben nichts mehr“

Für das Einfrieren von Gulagu.net nennt Ossetschkin vor allem den internationalen Rechtsrahmen. Eine der ersten Amtshandlungen von US-Präsident Donald Trump waren Sanktionen gegen Richter und Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs. Kurz darauf habe die Ermittlung faktisch ihre Leitung verloren. Im Oval Office habe Trump den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj regelrecht niedergemacht. Vor zwei Wochen kündigte US-Außenminister Marco Rubio einen Grundsatztext an, in dem er eine Kampagne zur Zerschlagung des Strafgerichtshofs ankündigte. „Wohin ich auch blicke, wir haben nichts mehr, worauf wir uns stützen können“, sagt Ossetschkin. Auch die europäischen Institutionen ließen sein Team auflaufen: Trotz Aussagen vor dem Europäischen Parlament und der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, hunderten Gigabyte an Belegen und Dokumentationen von BBC und CNN blieben handlungsfähige Institutionen stumm. Ein Menschenrechtspreis sei nie verliehen worden.

Kritik an der Exilopposition

Mit der bürgerlichen Exilopposition geht Ossetschkin hart ins Gericht. Manche prominenten Oppositionellen, die freigetauscht wurden, seien vor dem Austausch in bessere Bedingungen gebracht worden, damit sie gepflegt aussahen. Der FSB habe daraus ein positives Bild gezogen, während Kriegsgefangene gefoltert wurden. „Ich behaupte nicht, dass diese Menschen mit den Diensten zusammenarbeiten. Aber man hat sie benutzt“, so Ossetschkin. Die russische Opposition sei durch eine Kette von Geheimdienstoperationen zersetzt worden, und es sei nicht gelungen, sie wieder zu vereinen.

Mobilmachung und die neue Fluchtfalle

Mit Blick auf den Herbst hält Ossetschkin eine zweite Mobilmachung für wahrscheinlich. 2022 hätten die Menschen noch fliehen können; der FSB war unvorbereitet, der Westen nahm Geflüchtete auf. Diesmal könnten neue Gesetze sofort Pässe annullieren, Führerscheine sperren und Konten sowie Eigentum beschlagnahmen. Wer nicht wegkomme, werde abtransportiert, in Lager gebracht und zur Unterschrift unter einen Vertrag für Sturmtrupps gezwungen. Gleichzeitig machten die USA die Grenzen dicht, Europa ziehe seine Zäune hoch, Visa gebe es kaum. Ossetschkin fordert seit Jahren eine internationale Lösung: Territorien, die Ausreisende aufnehmen. „Je mehr Menschen Russland verlassen, desto weniger stellt Putin unter Waffen – und desto geringer ist das Risiko für die Ukraine.“ Doch wer höre schon zu?

„Ein Schrei nach Hilfe“

Die Entscheidung, Gulagu.net einzufrieren, bezeichnet Ossetschkin nicht als Kapitulation, sondern als Überlebensnotwendigkeit. „Weiterzumachen, in die fast sichere physische Vernichtung hinein, wäre kein Heldentum mehr, sondern Wahnsinn, der an Idiotie grenzt“, sagt er. Er vergleicht sich mit einem in Karbonit eingefrorenen Kapitän aus Star Wars: Vielleicht komme ein Jedi, vielleicht blieben die Archive in Universitäten, bis eine neue Generation von Politikerinnen und Politikern Menschenrechte wieder ernst nehme. Er hoffe darauf, dass seine Aussage vor dem Internationalen Strafgerichtshof und die an Den Haag und die Vereinten Nationen übermittelten Unterlagen zur Grundlage einer Anklage werden. „Mein Schritt ist kein Ruf um meine eigene Rettung, Frankreich schützt mich. Es ist ein Schrei nach Hilfe für das System des Menschenrechtsschutzes, das man erstickt hat.“ Er wolle Frankreich dankbar bleiben und seine Kinder als Franzosen aufwachsen sehen.