Eine Jury aus 30 deutschsprachigen Comicfachleuten hat das Album „Lucky Luke – Die Grimm Brothers“ von Flix und Reinhard Kleist zum besten Comic des dritten Quartals 2026 gewählt. Das Berliner Comicduo lässt in ihrem Gemeinschaftswerk den Westernhelden Lucky Luke auf die Gebrüder Grimm treffen – eine liebevolle Hommage, die seit ihrem Erscheinen Anfang Juni begeistert.
Im Zentrum von „Die Grimm Brothers“ steht eine fiktive Lesereise der deutschen Märchensammler durch die USA zur Zeit des „Wilden Westens“. Weil sich in Amerika zunächst niemand für diese Art von Geschichten interessiert, regt Lucky Luke an, die Märchen mit Cowboys und Westernhelden anzureichern. So entsteht ein humorvolles Crossover, das Figuren wie Rotkäppchen oder Schneewittchen mit dem Lucky-Luke-Universum verbindet und unterhaltsam die soziale Wirkung von Mythen und erfundenen Geschichten thematisiert.
Flix als Autor, Kleist als Zeichner
Flix hat in diesem Fall die Rolle des Autors und Szenaristen übernommen, Reinhard Kleist hat das Album gezeichnet. Mit seinem Skript erweist sich Flix einmal mehr als versierter Humorist mit sicherem Gespür für Pointen und Timing. Neben viel Slapstick gelingen ihm dabei auch treffende Seitenhiebe auf den Kulturbetrieb. Kleists detailreiche Zeichnungen tragen unverkennbar seine Handschrift – besonders bei den charakterstarken Figuren und ihren expressiven Gesichtern. Die Actionszenen sind präzise choreografiert, die Kulissen mit schwungvollem Tintenstrich gestaltet. Gleichzeitig bleibt er stilistisch näher an der von Morris geprägten Ästhetik als manche andere Hommage-Bände.
Das Album erscheint im Berliner Egmont-Verlag, hat 48 Seiten, ist für ein Lesealter ab 8 Jahren empfohlen und kostet im Softcover 9,99 Euro, im Hardcover 17 Euro sowie als Vorzugsausgabe mit signiertem Print und Bonusinhalten 59 Euro. Die Tagesspiegel präsentiert die Comic-Bestenliste in Kooperation mit dem RBB-Sender Radio 3, der Fachzeitschrift „BuchMarkt“ und der Website Comic.de.
Platz zwei: „Herr Hase und die patagonischen Karotten“
Auf Platz zwei der Kritikerauswahl landete ein Frühwerk von Lewis Trondheim: „Herr Hase und die patagonischen Karotten“. Der französische Comiczeichner, einer der produktivsten und witzigsten Europas, veröffentlichte das Buch erstmals auf Deutsch. Es führt zurück zu den Anfängen seiner Karriere: Das Werk erschien im Original 1992 und wurde damals von Trondheim weitgehend improvisiert und ohne fertiges Skript gezeichnet. Die Story beginnt damit, dass die langohrige Hauptfigur den Botschafter von Patagonien um eine Karotte aus dessen Heimat bitten will, weil die angeblich Flügel verleihen soll. Über 500 Seiten wächst sich das Vorhaben zu einem surrealen Trip aus. Das Buch ist im Berliner Reprodukt-Verlag erschienen, hat 512 Seiten und kostet 39 Euro.
Platz drei: „Red“ von Josephine Mark
Den dritten Platz belegt „Red“ von Josephine Mark, eine weitere deutsche Eigenproduktion, die bereits auf der Kritikerliste des ersten Quartals 2026 vertreten war. Mit schwarzem Humor und dynamischem Tintenstrich erzählt Mark eine tragikomische Kriminalgeschichte, deren Hauptfiguren ein dreibeiniger Hund und eine Seniorin sind, die 30 Jahre nach dem Tod ihres Mannes herausfinden will, was damals wirklich geschah. Das Buch ist im Kibitz-Verlag erschienen, hat 248 Seiten, ist für ein Lesealter ab 12 Jahren empfohlen und kostet 26 Euro.
Platz vier: „Andy Morgan“ – Neuauflage eines Klassikers
Auf Platz vier wählte die Jury die Neuauflage eines frankobelgischen Comicklassikers: „Andy Morgan“. Die ab 1966 von Greg geschriebene und von Hermann gezeichnete Abenteuerserie war vielen deutschen Lesern der 1970er Jahre durch ihre Veröffentlichung im „Zack“-Magazin bekannt. Der Berliner Avant-Verlag hat damit begonnen, die Abenteuer im Überformat in zwei parallel erscheinenden Ausgaben neu herauszugeben: als „Deluxe-Edition“ in Farbe sowie als „Avant-Edition“ in Schwarz-Weiß. Hauptfiguren sind der Kapitän und Ex-Interpol-Agent Andy Morgan, sein Freund Barney und ein Schiffsjunge, der in der deutschen Übersetzung Ali heißt. Der erste Band der Deluxe-Edition enthält die Abenteuer „Oase in Flammen“ und „Das Gesetz des Taifuns“, hat 128 Seiten und kostet 50 Euro.
Platz fünf: „Langer Atem“ von Jeong-in Mun
Die südkoreanische Zeichnerin Jeong-in Mun erzählt in ihrer Graphic Novel „Langer Atem“ von Überlebenskämpfen und Entbehrungen, aber auch von der Schönheit der Natur. Das Buch wurde auf den fünften Platz der Bestenliste gewählt. Ausgehend von der harten Überlebensgeschichte ihrer alleinerziehenden Großmutter, die sich und ihre Kinder als Taucherin ernährte, schildert die Autorin, wie die damit verbundenen Herausforderungen die Familie über zwei Generationen hinweg geprägt haben. Die in Frankreich lebende Zeichnerin verbindet Meeresszenen mit Bildern aus dem Familienalltag. In poetischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen verwebt sie zudem die Geschichte ihrer Vorfahrinnen mit der eigenen Biografie als Künstlerin. Das Buch ist im Rotopol-Verlag erschienen, hat 220 Seiten und kostet 28 Euro.
Platz sechs (geteilt): Zwei Sachcomics
Den sechsten Platz teilen sich zwei Sachcomics, die beide dieselbe Punktzahl der Jury bekommen haben. Zum einen ist das der zweite Band von Ulli Lusts Werk „Die Frau als Mensch: Schamaninnen“. In diesem Nachfolger zu ihrem 2025 mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichneten Bestseller vermittelt die Berliner Autorin und Zeichnerin erneut einen frischen Blick auf die Menschheitsgeschichte und erzählt unter anderem von einer Gruppe Nomadinnen und Nomaden vor rund 30.000 Jahren in Mitteleuropa. Auf Basis umfangreicher Recherchen und Gespräche mit Fachleuten vermittelt sie anschaulich, wie das Leben unserer Vorfahren und vor allem unserer Vorfahrinnen ausgesehen haben könnte. Das Buch ist im Reprodukt-Verlag erschienen, hat 304 Seiten und kostet 29 Euro.
Ebenfalls auf Platz sechs kam der Franzose Emmanuel Lepage mit „Mit dem Wind tanzen“. Lepage hat sich in den vergangenen Jahren mit meisterhaft aquarellierten Reiseberichten wie „Ein Frühling in Tschernobyl“ einen Namen als Comicreporter gemacht. Nun hat er zum zweiten Mal auf Einladung eines Wissenschaftsteams, das sich dem Schutz von Seeelefanten widmet, den Schauplatz seines Albums „Reise zum Kerguelen-Archipel“ im Indischen Ozean aufgesucht. In seinem aktuellen Album, das im Mai beim Bielefelder Splitter-Verlag auf Deutsch veröffentlicht wurde, fängt er in malerischen Bildern den harten Alltag und die Natur der eisigen Region ein und vermittelt, wie sich der Klimawandel auswirkt. Das Buch hat 224 Seiten und kostet 35 Euro.
Platz acht: „Endangered“ von Ines Korth
Das neue Buch von Ines Korth, „Endangered“, kam auf den achten Platz. Die in Nordrhein-Westfalen lebende Autorin und Zeichnerin, die sich zuvor mit der Fantasy-Geschichte „Massu Schmiedstochter“, mehreren Comicbänden der Reihe „Die drei Fragezeichen“ sowie dem Aufklärungsbuch „Das Regelwerk“ einen Namen gemacht hat, erzählt eine queere Science-Fiction-Geschichte mit politischer Botschaft. Hauptfigur ist die junge Nawra, die als eine von wenigen Erdenbürgern auf einem fernen Alien-Planeten in einem Pflanzenladen arbeitet. Als sich die öffentliche Meinung gegen Menschen wie sie wendet, droht ihr die Abschiebung. Eine gerade erst begonnene Liebesgeschichte mit einer mysteriösen Frau könnte ihr Schicksal besiegeln – oder ihre Rettung sein. Das Buch ist im Schwarzer-Turm-Verlag erschienen, hat 128 Seiten und kostet 15 Euro.
Platz neun: „Blutsauger“ von André Breinbauer
Auf Platz neun kam das neue Buch des Österreichers André Breinbauer mit dem Titel „Blutsauger“. Der Zeichner, der zuvor „Medusa und Perseus“ als Comic adaptiert hat, verbindet in seinem neuen Werk klassischen Vampirhorror in der Tradition von Bram Stokers „Dracula“ mit Kommentaren zu aktuellem Mietwucher und tiefschwarzem Wiener Humor. Hauptfigur der visuell an nachträglich kolorierte expressionistische Stummfilme erinnernden Geschichte ist eine junge Frau im Wien der Gegenwart. Sie hat es mit einem unheimlichen Nachbarn zu tun, der direkt aus Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu“ entstiegen sein könnte – und wird zudem mit den Machenschaften von Immobilienspekulanten konfrontiert. Das Buch ist im Carlsen-Verlag erschienen, hat 248 Seiten, ist für ein Lesealter ab 12 Jahren empfohlen und kostet 28 Euro.
Platz zehn: „Metropolia: Die Außenbezirke“
Den zehnten Platz wählte die Jury eine deutsch-französische Co-Produktion: den zweiten Band der in Berlin spielenden Science-Fiction-Reihe „Metropolia“ mit dem Untertitel „Die Außenbezirke“. Das im Jahr 2099 angesiedelte Szenario hat erneut der Franzose Fred Duval geschrieben, die Visualisierung hat wie im ersten Band der Berliner Zeichner Ingo Römling übernommen. Die beiden schicken erneut den Privatermittler Sascha Jäger auf Erkundungen in einer dystopischen Welt, um im Auftrag des allmächtigen Metropolia-Konzerns einen Kriminalfall zu lösen. Dieses Mal geht es um den Brandanschlag auf eine gigantische Baumaschine am Stadtrand, für den eine Gruppe von Umweltaktivisten verdächtigt wird. Das ist der Ausgangspunkt einer Story, in der Duval aktuelle Themen von Urbanisierung und Ressourcenknappheit bis zur verzweifelten Lage von Flüchtlingen aufgreift. Herausragend sind ein weiteres Mal Römlings Zeichnungen und sein World-Building. Mit elegantem, kraftvollem Strich lässt er ein futuristisches Berlin lebendig werden, das bedrohlich und zugleich verdammt cool aussieht. Der Band ist im Splitter-Verlag erschienen, hat 56 Seiten und kostet 18 Euro.



