Heinz Strunks neuer Roman „Memories of Heidelberg“ entpuppt sich als sarkastisch-böser Kommentar zur Vergänglichkeit. Was auf den ersten Blick wie eine heitere Nostalgiereise wirkt, entfaltet sich als Höllentrip eines angejahrten Paares, dessen Liebe längst in „Totenstarre“ verharrt.
Der Schlager als roter Faden
Der Titel greift den angestaubten Schlager „Memories of Heidelberg“ von Peggy March auf, der in den 1960er Jahren die romantische Kulisse der Universitätsstadt besang. Der Song wabert wie ein roter Faden durch die Erzählung – in krassem Gegensatz zu der Geschichte, die Strunk erzählt. Statt Urlaubsidyll erwartet den Leser eine brutale Abstiegsgeschichte, ähnlich wie in Strunks Vorgängerbuch „Ein Sommer in Niendorf“.
Isolde und Bertram: Ein Paar in der Krise
Die Protagonisten Isolde und Bertram – „Namen wie aus einem Loriot-Sketch“ – reisen zur Feier von Isoldes 80. Geburtstag von Oldenburg nach Heidelberg. Sie quartieren sich in einem teuren Boutiquehotel am Neckarufer ein, doch von Beginn an zeigen sich Unstimmigkeiten: Die Rezeption ist nur bis 18 Uhr geöffnet, die versprochene Loggia existiert nicht, und das Essen ist mittelmäßig. Als die Schwiegermutter erkrankt und die Feier abgesagt wird, möchte Bertram nach Hause, kann sich aber nicht durchsetzen. Die walkürenhafte Isolde dominiert die Beziehung; Bertram begehrt sie noch immer, wird aber seit Jahren zurückgewiesen.
Bertrams Fresssucht und der Niedergang
Der stark übergewichtige Bertram tröstet sich mit Essen. Er ist ein „herzhaft-süß-salzig-fleischiger Vertilger“, der heimlich massenweise ungesunde Snacks wie das kalorienreiche „Mandelintermezzo“ verschlingt. „Ich bin ein Mandelfriedhof, der in einem Meer aus Nüssen, Fett und Zuckerwatte versinkt. Der BMI nördlich von 32. Allein mein Wanst wiegt so viel wie ein hungerndes Kind“, beschreibt er sich selbst. Das Essen auf dem zugigen Schiff wird von Tag zu Tag schlechter: Anfangs gibt es Spezialitäten wie „Ravioli von Felsenaustern und Spinat“, später nur noch matschige Pizza mit italienischem Schlagergesäusel in Dauerschleife.
Miserabler Service und Verachtung
Auch der Service wird immer mieser und schlampiger, doch das Paar kommt wie unter Zwang immer wieder. Am Ende wird es vom Personal nur noch mit Verachtung und Hass bestraft – Bertram und Isolde betteln geradezu darum, schikaniert zu werden. Strunk zeichnet ein trauriges Loser-Porträt, angereichert als sarkastisch-bösen Kommentar zum Altern. Es ist ein Altern ohne Würde, ohne Stil und ohne Selbstachtung, das in Bertram vorgeführt wird. Sein Mangel an Selbstachtung und Selbstbeherrschung führt dazu, dass er von niemandem mehr respektiert wird.
Derbe Wortschöpfungen und morbide Szenarien
Wie meist bei Strunk ist der Niedergang in derb-abstoßenden, teilweise amüsant-skurrilen Wortschöpfungen ausgemalt, die das morbide Untergangsszenario lustvoll ausschmücken. Am Ende empfindet man nur noch Mitleid und Unverständnis mit dem traurigen Protagonisten. „Memories of Heidelberg“ ist ein weiteres Meisterwerk des Autors, das die Vergänglichkeit und den Verfall in all seiner Hässlichkeit zeigt.



