20 Jahre „Goodbye Deutschland!“: Warum Auswanderer-Storys so faszinieren
20 Jahre „Goodbye Deutschland!“: Die Faszination Auswandern

Seit 20 Jahren erzählt die Vox-Sendung „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“ Geschichten von Menschen, die ihr Glück im Ausland suchen. Die erste Folge lief am 15. August 2006. Zum runden Geburtstag strahlt der Sender vier Jubiläumsausgaben aus (20. Juli bis 10. August, montags ab 20.15 Uhr). Ein Best-of moderiert Daniela Katzenberger, die selbst als Auswanderin bekannt wurde und als einer der erfolgreichsten Exportschlager der Doku-Soap gilt.

Warum die Sehnsucht nach der Ferne so groß ist

Das Format bedient ein tief sitzendes Gefühl in Deutschland: die Vorstellung, dass woanders alles besser, freier, wärmer und unkomplizierter ist. Viele Auswanderer flüchten vor Bürokratie, Steuern, verfahrenen Familienstrukturen oder dem Wetter. „Fernweh“ ist eine deutsche Wortschöpfung und kaum übersetzbar. Eine YouGov-Umfrage aus dem vergangenen Jahr ergab, dass sich mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung eine Auswanderung ins Ausland vorstellen könnte.

Mallorca, Paraguay oder Australien sind dabei oft weniger geografische Orte als emotionale Gegenentwürfe. Vor allem Mallorca ist im Auswanderer-TV selten einfach nur Mallorca – es steht für den Ort, an dem endlich alles klappen soll. Doch oft klappt zunächst einmal gar nichts. Die weiteste Reise trat die Familie Vega an: Sie zog in das 18.130 Kilometer entfernte Tauranga in Neuseeland.

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Stellvertreter auf der Leinwand

Auswanderer-Fernsehen hat zwei Ebenen. Vorn auf dem Bildschirm tauschen Menschen Haus, Job und Sicherheit gegen einen Neuanfang. Auf der Couch fragt sich der Zuschauer: Hätte ich diesen Mut auch? Populär wurde „Goodbye Deutschland!“, weil es Normalos begleitete, keine unnahbaren Promis. Mit ihnen konnte man sich identifizieren.

Weil manche Protagonisten immer wieder auftauchen, entstehen zusammenhängende Geschichten mit klassischen Erzählmustern: Ein Held verlässt die vertraute Welt, kämpft gegen Hindernisse, scheitert oder triumphiert. Ohne Schwert, dafür mit Umzugskarton. Einige Figuren wurden zum Fundament des deutschen C-Prominenz-Fernsehens: Neben Katzenberger etwa die Geissens, Konny Reimann, der „Currywurstmann“ Chris Töpperwien und Jens Büchner, auch „Malle-Jens“ genannt.

Das Scheitern als Unterhaltung

Auswandern kann traumhaft sein oder schiefgehen. Grandiose Selbstüberschätzung, fehlende Sprachkenntnisse, löchrige Businesspläne – der Zuschauer sieht das Unheil oft schon von weitem kommen. Legendär ist die Schwäbin Claudia, die in die USA ziehen und selbst designte Teddybären verkaufen wollte. „Für den neuen Job bringt die gelernte Bankkauffrau eigentlich kaum Qualifikation mit“, kommentiert ein Off-Sprecher. Claudia versucht Zweifel mit dem Satz „Ich habe mal ein Kleid für mich genäht“ wegzuwischen und fügt hinzu: „Das ist nichts geworden.“

Eine Kunstform sind auch die Bauchbinden: Wenn unter einem Auswanderer-Namen „...verfügt über keine Ersparnisse“ steht, lehnt sich der Stammzuschauer interessiert nach vorne. Medienwissenschaftlerin Yulia Yurtaeva-Martens analysiert: „Ein voyeuristisches Moment lasse sich in Auswanderer-Formaten nicht leugnen. Der öffentliche Konsum persönlicher Krisen und Konflikte dient oft mehr der Unterhaltung als der Reflexion gesellschaftlicher Missstände.“

Beruhigung für Daheimgebliebene

Neben dem Voyeurismus stellt sich beim Zuschauer womöglich ein anderes Gefühl ein: „Gut, dass ich geblieben bin.“ Das kann sehr beruhigend sein. Am Ende wirkt selbst deutscher Behördendschungel plötzlich gar nicht mehr so schlimm.

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