Ein 82-jähriger Rocksänger mit DDR-Vergangenheit, ein Streicherquintett und Tausende Metal-Fans: So lässt sich Dieter Birrs Premiere beim Wacken Open Air in Schleswig-Holstein treffend beschreiben. Der frühere Puhdys-Sänger, in der DDR als „Maschine“ bekannt, sorgte für einen der ungewöhnlichsten Auftritte des Festivals. Mit seiner akustischen Gitarre auf einem Stuhl sitzend, sang er den Klassiker „Hey, wir woll'n die Eisbärn sehn“ – begleitet von klassisch ausgebildeten Musikern.
Das 35. Wacken Open Air (W:O:A) hatte am Mittwoch begonnen und war mit 85.000 Gästen ausverkauft. Bis in die Nacht zum Sonntag feiern die Fans in dem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. Als Top-Acts standen in diesem Jahr Sabaton, Judas Priest und Def Leppard auf den Bühnen – Bands, die für harte Gitarrenriffs und laute Shows stehen. Umso größer war die Überraschung, als auf dem Programm ein Name aus der Ost-Rock-Geschichte auftauchte: Dieter Birr.
„Hey, wir woll'n die Eisbärn sehn“ in neuem Gewand
Birr hatte seine Fans bereits im Vorfeld eingestimmt. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er: „Ich freue mich riesig, am 1. August 2026 mit meinen Landstreichern in Wacken dabei sein zu dürfen!“ Damit bezog er sich auf sein aktuelles Musikprojekt, das er im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hatte: einen Auftritt mit einem Streicherquintett, das er liebevoll „Landstreicher“ nennt. Die Kommentare unter seinem Post spiegelten die Begeisterung wider – von einem „längst überfälligen Ritterschlag“ war die Rede.
Zur Besetzung des Quintetts erklärte Birr: „Die Musiker spielen sonst etwa bei der Staatsoper Berlin, im Orchester der Deutschen Oper und bei den Berliner Philharmonikern.“ Diese Mischung aus Rock und Klassik ist außergewöhnlich und sorgte in Wacken für Staunen. Der Kontrast zwischen der rauen Metal-Atmosphäre und den feinen Streicherklängen hätte kaum größer sein können.
Die Puhdys: Mehr als nur eine DDR-Band
Dieter Birr, Jahrgang 1943, wurde als Mitglied der Puhdys bekannt. Die Band galt als eine der erfolgreichsten Rockgruppen der DDR ab den 1970er-Jahren. Mit Songs wie „Geh zu ihr“, „Alt wie ein Baum“ und eben „Hey, wir woll'n die Eisbärn sehn“ schaffte sie es, Generationen zu prägen. Birr, Sänger und Gitarrist, war das Gesicht der Gruppe und prägte ihren Sound maßgeblich.
Nach der Wiedervereinigung blieben die Puhdys ost- und westdeutschen Fans gleichermaßen in Erinnerung. Bis heute gelten sie als Kultband. Birr selbst hat sich immer wieder neu erfunden – und nun, im Alter von 82 Jahren, sorgt er mit einem Streicherquintett für Furore. Dass ausgerechnet beim Wacken Open Air, dem Mekka der Heavy-Metal-Fans, ehemalige DDR-Rockmusik erklingt, zeigt, wie vielfältig die Musikwelt ist.
Ein Ritterschlag zum 35. Jubiläum
Das Wacken Open Air ist bekannt für seine Mischung aus etablierten Metal-Größen und überraschenden Gästen. In der Vergangenheit traten dort auch Bands auf, die nicht dem typischen Metal zuzuordnen sind. Doch ein 82-jähriger Ost-Rocker mit Streichern war selbst für das Festival eine Premiere.
Der Auftritt von Dieter Birr dürfte vielen Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben. Schließlich wurde hier Musikgeschichte geschrieben: ein Stück DDR-Rock, eingebettet in die Klänge von Streichinstrumenten, vor einem Publikum, das sonst eher auf harte Gitarren setzt. Die Begeisterung war offenbar so groß, dass Birr bereits für das kommende Jahr ankündigte, wieder nach Wacken zu kommen. Ob es dann erneut ein Streicherquintett gibt, ließ er offen – aber die Vorfreude seiner Fans ist schon jetzt riesig.



