Der Hype um Christopher Nolans „Die Odyssee“ ist enorm: Vielerorts sind die Vorstellungen bereits ausverkauft – teils Wochen im Voraus. In den sozialen Netzwerken dreht sich die Diskussion allerdings weniger um die Handlung, sondern um die Technik. Memes zeigen etwa eine Küchenwaage oder ein Mikroskop als vermeintliche Leinwand und kommentieren das mit „As Nolan intended“ – auf Deutsch: „Wie Nolan es beabsichtigt hat“. Die ironische Anspielung zielt auf das Wunschformat des Regisseurs: Imax-70mm-Film.
Wie wurde „Die Odyssee“ gedreht?
Christopher Nolan gilt als Liebhaber des analogen Films. Für sein neuestes Werk setzte er vollständig auf Spezialkameras des Unternehmens Imax. Das ist ein aufwendiges und kostspieliges Unterfangen, da die Kameras laut und schwer sind. Der Regisseur ließ deshalb eine Art Schallschutzsystem um die Kameras bauen, damit auch Dialoge sauber aufgenommen werden konnten. Das Budget für das fast drei Stunden lange Epos wird auf rund 250 Millionen US-Dollar geschätzt.
Hauptdarsteller Matt Damon beschrieb der Deutschen Presse-Agentur die Dreharbeiten als technisch anspruchsvoll. „Das kann ablenkend sein, besonders wenn man zum ersten Mal damit arbeitet. Es fühlte sich so an, als wäre ich wieder 17 Jahre alt und stünde zum ersten Mal am Set“, sagte Damon. Eine Imax-Filmrolle ist nur rund zweieinhalb bis drei Minuten lang. Deshalb, so der Schauspieler, müsse die Kamera bei längeren Szenen zwei- oder dreimal neu geladen werden, um einen einzigen Take aufzunehmen.
Was macht Imax und 70mm so besonders?
Imax ist ein Kinoformat, das Filme besonders groß und detailreich auf die Leinwand bringt. Dazu gehören spezielle Kameras für die Aufnahme, aber auch Projektoren, Leinwände und Tonsysteme. Das gleichnamige, in den 1960er-Jahren gegründete Unternehmen will laut eigenen Angaben „das weltweit intensivste Kinoerlebnis“ schaffen.
Die meisten Imax-Kinos weltweit arbeiten inzwischen mit digitalen Projektoren. Nur noch rund 40 Häuser können dagegen den klassischen 70mm-Film abspielen, den Nolan bevorzugt. Bei dieser analogen Technik läuft eine physische Filmrolle durch den Projektor. Das gilt als aufwendiges Nischenformat, das vor allem in Nordamerika verbreitet ist.
70 Millimeter bezeichnet ein analoges Filmformat, das deutlich breiter ist als das klassische 35-mm-Kinoformat. Nur noch wenige Kinos in Deutschland können 70mm in ihren Sälen projizieren, darunter die Lichtburg in Essen und der Zoo Palast in Berlin. Das Berliner Kino erklärt dazu: 70mm werde von vielen Filmfans als hochwertiger empfunden, da das Bild organischer wirke, mehr Tiefe besitze und eine besondere Detailfülle zeige. Nötig seien spezielle Projektoren, erfahrenes Personal und aufwendig hergestellte Filmkopien – weshalb diese Vorstellungen heutzutage selten seien.
Kann man „Die Odyssee“ in Deutschland im Originalformat sehen?
Die kurze Antwort lautet: Nein. In Deutschland zeigt derzeit kein Kino „Die Odyssee“ als Imax-70mm-Film im Bildformat 1,43:1. Wer das Epos hierzulande im Kino erleben möchte, muss auf Alternativen ausweichen: etwa auf digitales Imax, Dolby Cinema oder analoges 70mm- beziehungsweise 35mm-Material.
Der wichtigste Unterschied zwischen den Formaten liegt im Bildausschnitt. Auf der offiziellen Website zum Film lässt sich nachvollziehen, wie sich das Seitenverhältnis je nach Format verändert. Bei 70mm- oder 35mm-Vorführungen fällt das Bild schmaler aus als im Original – als Ausgleich gibt es immerhin das analoge Erlebnis.
Lohnt sich eine Reise für das Originalformat?
Ob man die Imax-70mm-Fassung unbedingt sehen muss, wird derzeit intensiv debattiert. Einige Medien haben bereits Ratgeber veröffentlicht. Für Cineasten und Analog-Fans dürfte das Originalformat sicherlich das intensivste Erlebnis sein. Allerdings sind die Tickets teurer und oft über Wochen ausverkauft – und man muss von Deutschland aus anreisen. In Europa verfügen nur wenige Kinos über die passenden Projektoren, etwa in Brüssel, Prag und London.
Ein Autor des Magazins „Forbes“ empfiehlt eine pragmatische Haltung: „Letztendlich ist dies ein Film, den man im Kino sehen sollte – nicht zu Hause und nicht auf dem Handy. Wenn Sie also Ihr Sofa verlassen und sich den Film ansehen, egal in welchem Format, haben Sie die richtige Entscheidung getroffen.“ Ähnlich sieht es eine Autorin der „Los Angeles Times“: Wenn sie noch eine Person höre, die behaupte, man könne „Die Odyssee“ nur in Imax-70mm wirklich erleben, beginne sie, „Cineasten in Schweine zu verwandeln“. Auch wenn das Format wunderbar für Filmfans sei, sei es kein tragfähiges Geschäftsmodell. Filme sollten für alle zugänglich sein. „Die Odyssee“ sei – egal in welchem Format – ein „episches Abenteuer mit emotionalen Untertönen“.
Warum zeigen so wenige Kinos Imax-70mm?
Imax-Chef Richard Gelfond erklärte dem US-Magazin „Variety“, dass seit etwa 50 Jahren keine neuen Imax-Filmprojektoren für das spezielle Format mehr hergestellt würden. Deshalb rüste man die noch vorhandenen Projektoren nach und baue sie um. „Ein Teil unserer Strategie besteht darin, zu prüfen, wie weit wir damit kommen können“, sagte Gelfond.
Analoges Kino: eine seltene, aber lebendige Tradition
Analoge Imax-Kameras sind wegen ihres Aufwands nur selten im Einsatz. Abgesehen von Nolans Film gibt es aber immer wieder Produktionen, die auf klassischem Film entstehen. Dazu gehören etwa der Oscar-Gewinner „Anora“ von Sean Baker aus dem Jahr 2025 oder Brady Corbets „The Brutalist“. Auch Paul Thomas Andersons Politthriller „One Battle After Another“, der bei den diesjährigen Oscars triumphierte, wurde analog gedreht.
Für Kinobesucher bleibt am Ende eine einfache Erkenntnis: Entscheidend ist nicht allein das Format, sondern die Bereitschaft, sich auf die große Leinwand einzulassen. Wer „Die Odyssee“ im Kino sieht – ob digital oder analog – erlebt den Film so, wie es sich Nolan zumindest nahekommt.



