Der Tod kommt schnell, so schnell, dass man ihn verpasst. Eben noch hatte Jessie (Carla Hüttermann) auf dem Berliner Hochhausdach den Sonnenaufgang und einen Vogel im Sturzflug bestaunt, mit ihrem Freund Lux (Tristan López) über Möwen und Tauben nachgedacht und mit der Handykamera die Häuserfassaden in Augenschein genommen. Fenster für Fenster, kein Mensch war zu sehen. Dann stürzt Jessie ab – ein Unfall, der ihr Leben beendet und ihre Mutter Martha (Birgit Minichmayr) in eine tiefe Krise stürzt.
Ein Film über Trauer, der die Konventionen sprengt
Sandra Wollners hypnotisches Familiendrama „Everytime“ erzählt nicht die übliche Geschichte von Verlust und Bewältigung. Stattdessen zeigt der Film, wie Martha auf den Tod ihrer Tochter auf ganz eigene Weise reagiert: Sie beginnt, die Realität zu hinterfragen, die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Wahn verschwimmen. Der Film, der beim Filmfest Cannes preisgekrönt wurde, ist eine poetische Meditation über Trauer, Erinnerung und die Frage, was bleibt, wenn ein geliebter Mensch plötzlich nicht mehr da ist.
Birgit Minichmayr als Mutter zwischen Verzweiflung und Vision
Birgit Minichmayr verkörpert Martha mit einer Intensität, die den Zuschauer in den Bann zieht. Sie ist eine Frau, die sich weigert, den Tod ihrer Tochter zu akzeptieren. Stattdessen sucht sie nach Spuren, nach Zeichen, die ihr sagen, dass Jessie noch irgendwo ist. Die Kamera folgt ihr durch Berlin, durch verlassene Straßen und leere Wohnungen, während die Grenzen zwischen Realität und Imagination zunehmend verschwimmen. Minichmayr gelingt es, die Zerrissenheit ihrer Figur greifbar zu machen – zwischen rationaler Trauerarbeit und einem fast mystischen Glauben an eine andere Welt.
Die Handlung: Ein Tag, der alles verändert
Der Film beginnt mit dem Moment vor Jessies Tod. Die junge Frau genießt den Morgen auf dem Dach, filmt die Umgebung, spricht mit ihrem Freund. Dann der Sturz – ein Augenblick, der das Leben aller Beteiligten für immer verändert. Martha, die nicht am Ort des Geschehens war, erfährt erst später von dem Unglück. Doch anstatt zu trauern, beginnt sie, die Ereignisse zu rekonstruieren. Sie besucht Orte, an denen Jessie war, spricht mit Menschen, die sie kannte, und versucht, die letzten Stunden ihrer Tochter nachzuvollziehen. Dabei entdeckt sie Dinge, die sie vorher nicht gesehen hat – und beginnt, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.
Eine besondere Auszeichnung in Cannes
„Everytime“ feierte seine Premiere beim Filmfest Cannes und wurde dort mit einem Preis ausgezeichnet. Die Jury lobte insbesondere die innovative Erzählweise und die starke schauspielerische Leistung von Birgit Minichmayr. Der Film sei „ein hypnotisches Erlebnis, das die Zuschauer auf eine emotionale Reise mitnimmt, die man so schnell nicht vergisst“. Die Regisseurin Sandra Wollner, die bereits mit ihrem Vorgängerfilm „Das Universum des Universums“ für Aufsehen sorgte, zeigt erneut ihr Gespür für ungewöhnliche Perspektiven und visuelle Poesie.
Die Reaktionen: Zwischen Begeisterung und Irritation
Die Kritiken zu „Everytime“ sind gemischt. Während einige Zuschauer die unkonventionelle Herangehensweise an das Thema Trauer loben, fühlen sich andere von der surrealen Atmosphäre überfordert. Der Film verlangt vom Publikum Geduld und Offenheit, denn er erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern in Fragmenten, die sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Diejenigen, die sich darauf einlassen, werden jedoch mit einem tiefgründigen und bewegenden Kinoerlebnis belohnt.
Ein Werk über die Macht der Erinnerung
Letztlich ist „Everytime“ ein Film über die Macht der Erinnerung und die Frage, wie wir mit Verlust umgehen. Martha versucht, ihre Tochter am Leben zu erhalten, indem sie sie in ihren Gedanken bewahrt. Doch je mehr sie sich in ihre Erinnerungen vertieft, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Film zeigt, dass Trauer kein linearer Prozess ist, sondern ein komplexes Geflecht aus Gefühlen, Erinnerungen und Fantasien. Sandra Wollner gelingt es, diese Abgründe mit beeindruckenden Bildern und einer intensiven Atmosphäre einzufangen.
Fazit: Ein außergewöhnliches Kinoerlebnis
„Everytime“ ist ein Film, der unter die Haut geht und lange nachwirkt. Mit Birgit Minichmayr in der Hauptrolle und einer ungewöhnlichen Erzählstruktur bietet er eine neue Perspektive auf ein universelles Thema. Wer bereit ist, sich auf die hypnotische Welt von Sandra Wollner einzulassen, wird mit einem intensiven und berührenden Kinoerlebnis belohnt. Der Film ist ein weiterer Beweis für die Kreativität und den Mut des deutschen Filmschaffens.



