Als Feministin unter Nazis: Flieg steil
Feministin unter Nazis: Flieg steil

In der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand eröffnet eine neue Ausstellung mit dem provokativen Titel „Flieg steil!“ – ein Ausdruck, der in der NS-Zeit von Frauen als geheime Mutprobe verwendet wurde. Die Schau beleuchtet, wie Frauen zwischen 1933 und 1945 gegen das NS-Regime opponierten, und stellt dabei die Frage, warum ihre Geschichten bis heute oft übersehen werden.

Widerstand von Frauen: Ein blinder Fleck der Geschichte

Laut Kuratorin Dr. Annette Kuhn, die die Ausstellung gemeinsam mit dem Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz konzipierte, ist der weibliche Widerstand in der historischen Forschung lange unterrepräsentiert gewesen. „Frauen leisteten Widerstand in vielfältigen Formen – vom Verteilen von Flugblättern bis zur Unterstützung verfolgter Juden –, aber ihre Taten wurden oft als ‚private Hilfe‘ abgetan und nicht als politischer Akt anerkannt“, erklärt Kuhn. Die Ausstellung zeigt anhand von 120 Biografien, wie Frauen in Berlin, aber auch im gesamten Reichsgebiet, Handlungsspielräume nutzten.

Vom Alltagswiderstand bis zur aktiven Sabotage

Ein Schwerpunkt liegt auf dem sogenannten Alltagswiderstand: Frauen, die Lebensmittel für Zwangsarbeiter stahlen, Juden versteckten oder regimekritische Witze erzählten. Daneben werden aber auch radikalere Aktionen dokumentiert, etwa die Gruppe um die Widerstandskämpferin Libertas Schulze-Boysen, die zur Berliner Roten Kapelle gehörte. „Gerade junge Frauen nutzten ihre vermeintliche Unauffälligkeit, um Spionage zu betreiben oder Kurierdienste zu übernehmen“, so Benz. Die Ausstellung zeigt, dass Frauen in allen Milieus aktiv waren – von Arbeiterinnen bis zu Adligen.

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Die Rolle der Frauen in der NS-Gesellschaft

Die Schau veranschaulicht auch den ideologischen Druck, dem Frauen ausgesetzt waren. Das NS-Regime propagierte das Bild der Mutter und Hausfrau, die dem „Führer“ Kinder schenken sollte. Abweichungen von dieser Rolle wurden brutal verfolgt. Dennoch fanden Frauen Wege, sich zu widersetzen. „Die Nazis fürchtten die intellektuelle Frau – deshalb wurden gerade Akademikerinnen und Künstlerinnen besonders überwacht“, erklärt die Historikerin Dr. Martina Winkler, die eine Studie über weibliche Opposition in Berlin verfasst hat. Sie betont: „Viele Frauen zahlten ihren Mut mit dem Leben – über 300 wurden hingerichtet oder starben in Gefängnissen und Konzentrationslagern.“

Ausstellung als Mahnung für die Gegenwart

Die Ausstellung ist bis zum 31. Januar 2026 in der Gedenkstätte in der Stauffenbergstraße zu sehen. Sie versteht sich nicht nur als historische Dokumentation, sondern auch als aktueller Anstoß: „Wir wollen zeigen, dass Zivilcourage und Widerstand auch heute notwendig sind – gegen jede Form von Diskriminierung und Demokratiefeindlichkeit“, sagt der Leiter der Gedenkstätte, Prof. Dr. Johannes Tuchel. Er verweist auf aktuelle Studien, die zeigen, dass rechtsextreme Einstellungen in Deutschland zunehmen. So ergab eine repräsentative Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2024, dass 8,5 Prozent der Befragten eine rechtsautoritäre Diktatur befürworten würden – ein Anstieg um 2,3 Prozentpunkte gegenüber 2020.

Begleitprogramm und digitale Angebote

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Zeitzeugengesprächen und Workshops für Schulklassen. Zudem wurde eine virtuelle Tour entwickelt, die es ermöglicht, die Schau online zu erkunden. Die interaktive Karte zeigt Orte des weiblichen Widerstands in Berlin, die man heute noch besichtigen kann. „Besonders junge Menschen erreichen wir über Social Media – dort erzählen wir die Geschichten in kurzen Videos“, so die Social-Media-Redakteurin der Gedenkstätte, Julia Neumann.

Die Ausstellung „Flieg steil! – Als Feministin unter Nazis“ ist ein Beitrag zur aktuellen Debatte über Geschlechtergerechtigkeit und Demokratie. Sie macht deutlich, dass der Kampf um Gleichberechtigung und Freiheit eine lange Tradition hat – und dass es sich lohnt, ihn fortzusetzen.

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