Die Debatte über Leihmutterschaft ist durch den Fall des ehemaligen Unionsfraktionschefs Jens Spahn neu entbrannt. Nun sorgt die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf mit einem Interview für Empörung, in dem sie sich für eine Legalisierung ausspricht. Vor allem in konservativen und bürgerlichen Kreisen stößt dies auf heftige Kritik.
Laschets scharfe Kritik an Brosius-Gersdorf
Der frühere CDU-Parteichef und Kanzlerkandidat Armin Laschet äußerte sich auf X zu der Debatte. Er schrieb: „Etwas Plumperes als diese Antwort von Frau Brosius-Gersdorf habe ich noch nicht gelesen.“ Laschet bezog sich dabei auf ein Zitat der Juristin, in dem sie die Haltung der Union zur Leihmutterschaft kritisierte. Brosius-Gersdorf hatte erklärt: „Die Position der Union zur Leihmutterschaft ist von einem Menschenbild geprägt, das nicht dem Grundgesetz entspricht.“ Sie argumentierte, dass das Verbot von Leihmutterschaft und Eizellspende Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung abspreche.
Brosius-Gersdorfs Forderung nach Legalisierung
In dem Interview mit der „Zeit“ hatte Brosius-Gersdorf das geltende Leihmutterschaftsverbot in Deutschland als „paternalistisch“ bezeichnet. Sie betonte: „Man darf Frauen und insofern auch Leihmütter nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen.“ Der Staat müsse zwar Regelungen schaffen, die sicherstellten, dass Frauen über die Risiken aufgeklärt würden. „Wenn sie sich dann aber trotzdem freiwillig dafür entscheiden, darf der Gesetzgeber ihnen das nicht verbieten.“ Sie zog Vergleiche zu anderen Bereichen wie dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben, Rauchen, Alkoholkonsum und Hochrisikosport. „Deswegen sehe ich gute Gründe dafür, die Leihmutterschaft auch in Deutschland zu legalisieren“, so die Juristin.
Reaktionen aus der Politik
FDP-Politikerin Linda Teuteberg kommentierte Brosius-Gersdorfs Argumentation knapp auf X: „Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.“ Die geplante Wahl von Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin war im vergangenen Jahr am Widerstand der Union gescheitert. CDU und CSU hatten erhebliche Vorbehalte geäußert, unter anderem wegen ihrer Positionen zum Abtreibungsrecht. Nach wochenlangem Streit in der Koalition wurde die Wahl abgesagt, und Brosius-Gersdorf verzichtete auf ihre Kandidatur. Laschet verwies darauf mit den Worten: „Ein Segen, dass sie nicht im höchsten deutschen Gericht sitzt, das über die Werteordnung der Verfassung wacht.“
Stimmen für eine offene Debatte
Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Helmut Frister, forderte hingegen eine offene gesellschaftliche Debatte über die Leihmutterschaft. „Wenn man die Debatten nicht führt, wird das Problem latent immer bleiben“, sagte der Rechtswissenschaftler im Deutschlandfunk. „Man sollte diese Debatte führen, und man muss halt dann überlegen, welche Güter sich da gegenüberstehen.“ Auch Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann sprach sich für eine neue Auseinandersetzung mit Themen der Reproduktionsmedizin aus.
Der Fall Spahn als Auslöser
Hintergrund der aktuellen Debatte ist der Fall von Jens Spahn. Eine Leihmutter in USA hatte seinen Sohn Georg zur Welt gebracht. Damit umgingen der CDU-Politiker und sein Partner ein in Deutschland geltendes Verbot, das Spahn in der CDU mitgetragen hatte. In der Union brach ein Sturm der Entrüstung los, und am Samstag trat Spahn von seinem Amt als Fraktionschef zurück. Die Diskussion um Leihmutterschaft und reproduktionsmedizinische Möglichkeiten ist damit wieder in den Fokus gerückt.



