Der August gilt in Italien als heiliger Ferienmonat. Normalerweise liegen die Menschen jetzt in Ostia dicht an dicht am Strand: Körper an Körper, Liege an Liege, Schirm an Schirm. Doch in diesem Sommer bietet sich ein völlig anderes Bild. Im „Shilling“, einem der bekanntesten Strandbäder der 90.000-Einwohner-Gemeinde, rollen die Abrissbagger. Wo sonst in der Hochsaison kein freier Platz zu finden ist, herrscht jetzt Baustellen-Atmosphäre. Die Toilettenhäuschen werden gerade plattgemacht, der Sand ist aufgerissen, von Badegästen fehlt jede Spur. Menschen? Fehlanzeige. Das „Shilling“ steht damit sinnbildlich für einen tiefgreifenden Wandel an Italiens Küsten.
Ein Symbol für den Wandel
Entlang der 7.500 Kilometer langen Mittelmeerküste prägen Tausende der privaten Strandbäder (Stabilimenti Balneari) das Bild. Sie vermieten Liegen und Sonnenschirme – eine Tradition, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Doch nun wehren sich Behörden in Ostia und anderen Orten dagegen, dass der Zugang zum Meer vielerorts nur gegen Bezahlung möglich ist. Die Stadtverwaltung von Rom, zu der der Vorort Ostia weiterhin gehört, hat den Kampf gegen die Strandbesitzer aufgenommen. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, den öffentlichen Zugang zur Küste zu gewährleisten.
Hohe Gewinne, geringe Gebühren
Offiziell gibt es in Italien mehr als 7.300 dieser Strandbäder. Tatsächlich dürften es einige Tausend mehr sein. Viele verdienen gut an der Vermietung von Liegen und Sonnenschirmen. In dieser Saison kostet die Miete für zwei Liegen und einen Schirm im Durchschnitt rund 40 Euro am Tag. In Regionen wie der Toskana liegen die Preise teilweise deutlich höher. Dabei gehört die Küste eigentlich dem Staat – nach geltendem Recht müsste das Ufer überall frei und kostenlos zugänglich sein. Trotzdem ist mehr als die Hälfte der Strände privat verpachtet. Vor allem ausländische Touristen ärgern sich seit Jahren über die Gebühren. Doch auch in Italien wächst der Unmut. Auf Schildern in Ostia wird nun darauf hingewiesen, dass der Zugang zum Meer frei ist – ein klares Signal an die Betreiber.
Zäune und Mauern versperren den Weg
Für zusätzlichen Ärger sorgt, dass viele Strandbäder den Weg zum Meer mit Zäunen und Mauern versperren. In Ostia soll damit nun Schluss sein. Die Stadtverwaltung von Rom geht seit einiger Zeit konsequent dagegen vor. Das „Shilling“ wurde wegen Bauvergehen und weiterer Vorwürfe gegen den Betreiber beschlagnahmt. Nach schweren Sturmschäden im Winter drohte die Anlage zu verfallen. Nun wird sie abgerissen – genauso wie das benachbarte „Sporting Beach“. Roms sozialdemokratischer Bürgermeister Roberto Gualtieri plant dort eine Spiaggia Libera, also einen freien Strand. Einem weiteren Club, dem „Village“, entzog die Stadt im Zuge von Mafia-Ermittlungen die Konzession und übergab sie an eine Genossenschaft. Das Vorgehen zeigt: Die Behörden sind entschlossen, die Monopolstellung der Strandbäder aufzubrechen.
Mehr kostenlose Küste geplant
Bislang sind in Ostia nur 1,2 Kilometer der insgesamt 11,3 Kilometer Küste kostenlos zugänglich. Künftig sollen es 6,5 Kilometer werden. Gleichzeitig soll die Zahl der privaten Strandbäder von 70 auf 35 sinken. Auch an der italienischen Riviera in Ligurien und in Apulien beginnen Kommunen damit, Strandabschnitte wieder kostenlos zugänglich zu machen. Die Entwicklung beschränkt sich also keineswegs auf Rom – sie erfasst zunehmend das ganze Land.
Hintergrund der Entwicklung ist eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2006: Staatliche Strandkonzessionen müssen demnach regelmäßig neu ausgeschrieben werden, schließlich handelt es sich um öffentlichen Grund. Mehrere Regierungen in Rom schoben die Umsetzung immer wieder auf. Nun soll ab 2027 damit begonnen werden. Viele hoffen auf mehr Wettbewerb und niedrigere Preise an Italiens Stränden. Für die etablierten Betreiber könnte dies das Aus bedeuten, zumal neue Anbieter oft mit günstigeren Angeboten locken.
Streit in Apulien: „Das Meer ist ein Allgemeingut“
Zuletzt sorgten einige Strandbad-Betreiber in Apulien erneut für Aufregung. Sie wollten ihren Gästen verbieten, mitgebrachte Speisen und Getränke zu konsumieren. Begründet wurde dies mit möglichem „Imageschaden“. Der Präsident der Region, Antonio Decaro, reagierte scharf. Angesichts der hohen Preise für Schirme und Liegen sei es absurd, Menschen zusätzlich zum Kauf teurer Speisen zu zwingen. Er stellte klar: „Das Meer ist ein Allgemeingut. Es darf nicht zum Luxusgut werden.“ Die Worte Decaros treffen den Kern der Debatte: Italiens Strände gehören allen.
Ob Ostia zum Vorbild für ganz Italien wird, bleibt abzuwarten. Fest steht: Der Druck auf die Strandbäder wächst. Die Abrissbagger in Ostia sind nur der sichtbarste Ausdruck einer Entwicklung, die in den kommenden Jahren noch viele Debatten auslösen dürfte.



