Die Ukraine hat im Schwarzen Meer ein Containerschiff der russischen Atombehörde Rosatom versenkt. Mindestens zwei ukrainische Drohnen trafen die „Janina“ nahe dem russischen Hafen Noworossijsk, wie Rosatom mitteilte. Die 17-köpfige Besatzung war gezwungen, das Schiff zu verlassen und sich in Rettungsboote zu begeben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte den Angriff und erklärte auf Telegram, die ukrainischen Truppen hätten das sanktionierte Containerschiff mit einer Kapazität von mehr als 100.000 Tonnen versenkt. Zudem seien weitere Ziele im Schwarzen und Asowschen Meer getroffen worden.
Die „Janina“ wird von der Fesco-Reederei betrieben, einer Tochtergesellschaft von Rosatom. Nach Angaben der Atombehörde transportierte das Schiff zivile Güter, darunter Tiefkühlwaren und Baumaterialien. Es gab zunächst keine Hinweise darauf, dass die „Janina“ Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Atombereich von Rosatom ausführte oder nukleares Material an Bord hatte. Rosatom-Chef Alexej Lichatschew bezeichnete den Angriff als „Piraterie und Raub auf See“ und kündigte an, die Angelegenheit rechtlich zu bewerten.
Der Angriff auf die „Janina“ ist Teil einer Serie ukrainischer Operationen gegen russische Schiffe im Schwarzen Meer. Kiew wirft Moskau vor, über diese Route sanktionierte Güter wie Erdöl zu transportieren. Die Ukraine hat wiederholt angekündigt, solche Transporte zu unterbinden. Auch die Hafenstadt Noworossijsk ist ein bedeutender Umschlagplatz für russische Exporte, was den Ort zu einem strategischen Ziel macht.
Das Containerschiff stand bereits vor dem Angriff auf Sanktionslisten westlicher Staaten. Die Ukraine sieht Schiffe, die für den Transport sanktionierter Güter eingesetzt werden, als legitime Ziele an. Dieser Ansatz hat in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass immer wieder russische Frachter im Schwarzen Meer attackiert wurden.
Angriffe auf Ölraffinerien: Schlag gegen Energieinfrastruktur
Parallel zu dem Seeangriff hat die Ukraine nach Angaben von Präsident Selenskyj auch die Infrastruktur von drei russischen Ölraffinerien in der Region Baschkortostan attackiert. Diese Anlagen liegen knapp 1.600 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt – ein Beleg für die wachsende Reichweite ukrainischer Drohnen. Die Raffinerien gehören zu den wichtigsten Treibstofflieferanten für die russische Armee, weshalb Angriffe auf solche Ziele die Logistik des Gegners empfindlich stören können.
In den vergangenen Monaten hat die Ukraine ihre Angriffe auf russisches Territorium deutlich verstärkt. Neben Ölraffinerien werden immer wieder Treibstofflager, Munitionsdepots und Militärflugplätze ins Visier genommen. Die ukrainische Führung verfolgt damit eine Strategie, um die russische Kriegsführung zu erschweren. Die Angriffe auf die Raffinerien in Baschkortostan zeigen, dass auch weit hinter der Front gelegene Ziele nicht sicher sind.
Die Angriffe auf den Seeverkehr und die Ölindustrie sind Teil einer koordinierten Kampagne, die darauf abzielt, die russische Wirtschaft zu treffen und die Kriegskosten zu erhöhen. Kiew will zudem die eigene Exportfähigkeit über das Schwarze Meer sichern. Der Getreidekorridor, der 2022 unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei eingerichtet wurde, ist ein zentrales Element dieser Bemühungen. Durch die jüngsten Angriffe will die Ukraine offenbar auch den Druck im Vorfeld möglicher Verhandlungen erhöhen.
Das Schwarze Meer: Ein Schlachtfeld mit langer Vorgeschichte
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor fast viereinhalb Jahren ist das Schwarze Meer ein zentraler Schauplatz der Auseinandersetzung. Die russische Armee hat wiederholt ukrainische Hafeninfrastruktur und Schiffe attackiert, die sich ukrainischen Häfen näherten. Die Ukraine wertet diese Angriffe als Kriegsverbrechen. Insbesondere die Blockade ukrainischer Getreideexporte hatte international für Empörung gesorgt und zu einer globalen Nahrungsmittelkrise beigetragen.
Die Ukraine hat ihre Seekriegsfähigkeiten während des Konflikts erheblich ausgebaut. Der Einsatz unbemannter Seedrohnen hat sich als effektive Methode erwiesen, um russische Schiffe zu bekämpfen, ohne eigene Besatzungen in Gefahr zu bringen. Die Versenkung der „Janina“ markiert einen weiteren Erfolg dieser Taktik. Gleichzeitig bleibt die Lage in der Region angespannt, da Moskau jede Bedrohung seiner Seewege militärisch zu beantworten droht.
Die russischen Behörden haben bislang nicht angegeben, ob es bei dem Angriff auf die „Janina“ Verletzte gab. Die Besatzung wurde nach Angaben von Rosatom gerettet. Unabhängig davon dürfte der Vorfall die Spannungen zwischen Moskau und Kiew weiter verschärfen. Auch international wird der Angriff aufmerksam verfolgt, da erstmals ein Schiff der russischen Atombehörde ins Visier ukrainischer Streitkräfte geraten ist.
Die Ukraine argumentiert, dass Schiffe, die unter russischer Flagge fahren und sanktionierte Güter transportieren, legitime militärische Ziele seien. Moskau weist diese Darstellung zurück und spricht von Terrorismus. Die Ereignisse im Schwarzen Meer zeigen jedoch, dass die Seekriegsführung in diesem Konflikt eine zunehmend wichtige Rolle spielt – mit direkten Auswirkungen auf den Welthandel und die Energieversorgung.



