Mehrere Tage nach dem Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika halten sich dort noch immer mehrere Tausend Migranten auf. Nach Schätzung des Regionalpräsidenten Juan Jesús Vivas befinden sich zwischen 3000 und 5000 Migranten in der autonomen Stadt. Die Lage sei noch nicht zur Normalität zurückgekehrt, sagte Vivas laut der spanischen Zeitung „El País“ am Montag. Die territoriale Integrität der Gemeinde sei verletzt worden, beklagte der Regierungschef.
Minderjährige sollen aufs Festland
Besonders prekär ist die Situation für minderjährige Migranten. Laut „El País“ befinden sich mindestens 862 minderjährige Migranten in Ceuta, die in öffentlichen Einrichtungen untergebracht sind. Standardgemäß stünden jedoch nur 29 Plätze zur Verfügung, weshalb die Stadt völlig überfordert sei. „Das ist eine untragbare Situation; sie übersteigt all unsere Ressourcen und erfordert schnellstmögliches Handeln“, wird ein Stadtrat von „El País“ zitiert.
Die unter 18-Jährigen sollen nun zeitnah aufs spanische Festland verlegt werden. Darauf hätten minderjährige Migranten seit dem vergangenen Jahr einen gesetzlichen Anspruch, heißt es.
Hintergrund des Ansturms
In der vergangenen Woche hatten zwischen 50.000 und 60.000 Menschen von Marokko kommend die Grenze zu Ceuta überwunden. Mindestens 94 Menschen kamen dabei nach offiziellen Angaben ums Leben, viele ertranken beim Versuch, die Exklave schwimmend zu erreichen. Die lokalen Behörden reagierten zunächst hilflos, die Zentralregierung entsandte Polizei und Soldaten zur Unterstützung.
Anwohner berichten von Übergriffen
Einwohner von Ceuta versuchten offenbar, selbst für Sicherheit zu sorgen. „El País“ berichtet von Anwohnern, die auch am Wochenende Wache in ihrem Viertel hielten. Augenzeugen sagten, ihnen sei Kleidung gestohlen worden. Ein Bewohner erzählte, er sei angegriffen worden: „Ich habe Krebs, und seht, was sie mir angetan haben, nur weil ich nach einer Zigarette gefragt habe“, zitiert ihn die Zeitung und beschreibt rote Flecken in seinem Gesicht.
Ein junger Migrant reagierte frustriert auf die Schilderungen: „Diese Bastarde rauben uns unsere Zukunft“, sagte er mit Blick auf Migranten, die Anwohner angegriffen und sich kriminell verhalten hätten.
Geheimdienst warnte angeblich
Laut einem Bericht des Radiosenders „Cadena SER“ hätten die Behörden durchaus Zeit zum Reagieren gehabt. Der spanische Geheimdienst CNI habe das Innenministerium wiederholt vor einer massenhaften Migrationsbewegung aus Marokko gewarnt. Der Sender beruft sich auf Geheimdienstkreise und behauptet, das Ministerium habe die Warnungen ignoriert und es versäumt, ausreichend Personal an den Grenzübergängen zu stationieren.
Das spanische Innenministerium weist die Vorwürfe zurück. Es habe vom Geheimdienst „keinerlei Warnung oder Alarm“ erhalten. Innenminister Fernando Grande-Marlaska erklärte: „Es gibt keinen Bericht (des CNI), der darauf hindeutet, dass eine Situation wie die vom 30. hätte entstehen können.“ Allerdings räumt das Ministerium ein, dass es seit Mitte Juli einen Anstieg der Migrantenströme verzeichnet habe.



