Italien feiert Abschiebezentrum in Albanien als „Revolution“ für Europa
Italien: Abschiebezentrum in Albanien als Revolution gefeiert

Die italienische Regierung feiert ihr Abschiebezentrum in Albanien als revolutionären Schritt für die europäische Migrationspolitik. Mit dem Inkrafttreten des neuen EU-Asylpakts am 12. Juni soll das Projekt in Gjader endlich Fahrt aufnehmen. Innenminister Matteo Piantedosi spricht von einer „kopernikanischen Revolution“ und einem Wendepunkt für Europa. Doch das Vorhaben ist umstritten und wirft viele Fragen auf.

Das Albanien-Modell: Eine Idee mit Hindernissen

Bereits im November 2023 unterzeichneten Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und ihr albanischer Kollege Edi Rama ein Abkommen über den Bau zweier italienisch verwalteter Aufnahmezentren in Albanien. In Shëngjin entstand ein Ankunftszentrum, in Gjader ein großer Lagerkomplex. Die Idee: Aus dem Mittelmeer gerettete Migranten aus sicheren Herkunftsländern sollten direkt nach Albanien gebracht werden, wo ihre Asylanträge in beschleunigten Verfahren geprüft werden sollten. Abgelehnte Antragsteller sollten schnell abgeschoben werden.

Doch der Plan geriet schnell ins Stocken. Mehrere italienische Gerichte erklärten die Inhaftierung von Migranten in Albanien für unzulässig, da die Verfahren nicht mit europäischem Recht vereinbar seien. Die Zentren blieben monatelang nahezu leer. Nun hofft Rom, durch den neuen EU-Asylpakt Rückenwind zu erhalten.

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Neue EU-Regeln als Rückenwind

Der EU-Asylpakt sieht erstmals eine europäische Liste sicherer Herkunftsstaaten vor, darunter Ägypten, Tunesien, Marokko und Bangladesch. Italien erwartet, im ersten Jahr mehr als 16.000 beschleunigte Grenzverfahren durchführen zu können. Die Regierung hat per Dekret gehandelt, um die nationalen Verwaltungs- und Gerichtsstrukturen an die neuen Vorschriften anzupassen. Betroffene können zunächst bis zu 72 Stunden festgehalten werden; innerhalb von zwölf Wochen soll über ihren Asylantrag entschieden werden.

Rom hofft, dass die neuen EU-Regeln die rechtlichen Einwände gegen das Albanien-Modell ausräumen. Das jüngste Dekret enthält eine entscheidende Formulierung: Es verweist auf eine EU-Passage, die auch „andere vom Mitgliedstaat bestimmte Orte“ für die Unterbringung von Migranten zulässt. Nach Auffassung der Regierung könnten die Zentren in Albanien unter diese Regel fallen. Ob diese Interpretation vor Gericht Bestand haben wird, ist jedoch offen.

Fehlende Transparenz und offene Fragen

Trotz der Ankündigungen bleibt unklar, was in den Zentren tatsächlich geschieht. Regierungsvertreter betonen, das Projekt funktioniere: Bereits 536 Migranten seien durch die Lager geschleust worden, viele von ihnen abgeschoben. Doch das Innenministerium veröffentlicht keine regelmäßigen Statistiken, die Internetseite ist seit Langem nicht aktualisiert. Menschenrechtsorganisationen und Wissenschaftler beklagen mangelnde Informationen über Aufenthaltsdauer, Verfahrensausgänge und Lebensbedingungen.

Ein Besuch des Nationalen Garanten für die Rechte von Personen in Gewahrsam im Oktober 2025 ergab, dass sich damals nur 17 Menschen in der Anlage befanden. Bis zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt 192 Migranten durch die Zentren gegangen, von denen nur 56 tatsächlich abgeschoben wurden. Die Zahlen weichen deutlich von den Regierungsangaben ab.

Ausblick: Revolution oder Rohrkrepierer?

Italien sieht sich als Vorreiter einer neuen europäischen Migrationspolitik. Doch ob das Albanien-Modell tatsächlich Schule machen wird, ist fraglich. Die rechtlichen Hürden sind hoch, die Transparenz mangelhaft. Kritiker befürchten, dass das Projekt vor allem symbolischen Charakter hat. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die „kopernikanische Revolution“ tatsächlich gelingt oder ob das Zentrum in Gjader ein teurer Rohrkrepierer bleibt.

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