In Belfast ist es nach einem brutalen Messerangriff zu schweren ausländerfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Brennende Autos und Gebäude, geplünderte Geschäfte und attackierte Wohnhäuser prägten das Bild in der nordirischen Hauptstadt. Die Familie des Opfers der Messerattacke hat sich nun mit einer klaren Botschaft an die Öffentlichkeit gewandt und zur Besonnenheit aufgerufen.
Pogromartige Szenen im Westen Belfasts
In der Nacht zum Mittwoch eskalierte die Gewalt in mehreren Stadtteilen. Reporter der Zeitung „Guardian“ dokumentierten, wie maskierte Männer ein Haus mit vernagelten Fenstern stürmten, die Tür aufbrachen und die Scheiben im Erdgeschoss mit Ziegelsteinen einschlugen. Die Randalierer gaben an, das Haus, in dem Einwanderer leben, „befreien“ zu wollen. Eine entsetzte Anwohnerin rief: „Da sind kleine Mädchen drin!“ In der Nähe ging ein Auto in Flammen auf. Die Szenen erinnern an die pogromartigen Ausschreitungen vor genau einem Jahr.
Auslöser: Messerattacke durch sudanesischen Asylbewerber
Die Unruhen wurden durch ein schockierendes Video ausgelöst, das in sozialen Medien tausendfach geteilt wurde. Es zeigt einen Messerangriff durch einen 30-jährigen sudanesischen Asylbewerber namens Hadi A. im Norden der Stadt am Montag. Passanten überwältigten den Täter, der am Mittwoch per Video einem Richter vorgeführt wurde. Die Anklage lautet auf versuchten Mord. Das Opfer verlor bei der Attacke Berichten zufolge ein Auge. Hadi A. äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.
Parallelen zu Ausschreitungen in Southampton
Erst vergangene Woche war es in Southampton zu ähnlichen Unruhen gekommen. Dort hatte ein Gericht den Bruder des Angreifers Vickrum Digwa zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem dieser einen rassistisch motivierten Übergriff vorgetäuscht hatte. Die Polizei hatte die Situation falsch eingeschätzt und dem sterbenden Studenten Henry Nowak Handschellen angelegt. Beide Vorfälle zeigen, wie schnell rechte Kräfte versuchen, aus solchen Tragödien Kapital zu schlagen.
Elon Musk teilt Beiträge von Rechtsextremen
Der Besitzer der Plattform X, Elon Musk, teilte einen Beitrag des rechtsextremen Aktivisten Stephen Yaxley-Lennon, der eine Liste von Orten für Proteste verbreitete. Auch ein Post des rechten Politikers Rupert Lowe, der zum Verlassen des Landes aufrief, wurde von Musk geteilt. Dies heizte die Stimmung weiter an.
Politiker verurteilen Gewalt – aber nicht alle
Während Nordirlands Erste Ministerin Michelle O’Neill die Täter als „widerwärtige Feiglinge“ bezeichnete und Polizeichef Jon Boutcher betonte, dass der Angreifer nicht polizeibekannt und kein Terrorist sei, zeigte sich die rechtspopulistische Partei Reform UK gespalten. Der stellvertretende Vorsitzende Richard Tice verurteilte die Krawalle als „völlig inakzeptabel“. Parteichef Nigel Farage hatte jedoch erst eine Woche zuvor zu „reiner, kalter Wut“ aufgerufen und von einer „Zweiklassenkultur“ gesprochen. Auf die Frage, ob seine Äußerungen die Gewalt befeuert haben könnten, reagierte Tice empört und nannte die Unterstellung „absolut lächerlich“.
Familie des Opfers: „Friedlicher Protest ist der einzige Weg“
Die Familie des Messeropfers hat sich in einer Erklärung deutlich von den Ausschreitungen distanziert. „Nächtliche Ausschreitungen sind nicht willkommen, friedlicher Protest ist der einzige Weg nach vorn“, heißt es darin. Viele Migranten leisteten einen wertvollen Beitrag, etwa im Gesundheitswesen und im Gastgewerbe. „Wir sind auf sie angewiesen, damit unser Land funktioniert. Wir wollen nicht, dass diese furchtbare Tragödie dazu benutzt wird, Menschen zu spalten oder Feindseligkeit zu schüren.“
Premier Starmer: „Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen“
Premierminister Keir Starmer zeigte sich angewidert von dem „grauenhaften“ Messerangriff, betonte jedoch, dass die darauf folgenden Gewalttaten „durch nichts zu rechtfertigen“ seien. Die Polizei in Nordirland ermittelt weiter und versucht, die Lage zu beruhigen. Die Stadt Belfast bleibt angespannt.



