Frankreichs politische Mitte vor dem Zerfall: Gefahr für Europa?
Frankreichs Mitte zerfällt: Gefahr für Europa?

Frankreichs politische Mitte steht vor einer Zerreißprobe. Der EU-freundliche Präsident Emmanuel Macron, auf den sich Deutschland in europäischen Fragen stets verlassen konnte, darf nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren. Doch der Machtkampf um seine Nachfolge hat bereits begonnen – und könnte vor allem den extremen Parteien nutzen. Die Frage ist: Zerstört sich die politische Mitte selbst?

Gabriel Attal als Hoffnungsträger der Mitte

Ende Mai trat Gabriel Attal, Macrons ehemaliger Premierminister, in einer Pariser Messehalle auf. „Es ist möglich, etwas zu bewegen, ohne das Land zu spalten“, rief er rund 5000 Anhängern zu. Attal inszeniert sich als dynamischer Reformkandidat der Mitte, in klarer Abgrenzung zu den politischen Rändern. „Wir haben ein Jahr, um die extremen Kräfte zu schwächen“, sagte er. Sein proeuropäischer Kurs steht außer Frage: „Wir glauben daran, dass das Schicksal Frankreichs europäisch ist“, betonte er unter dem Applaus der Menge, die neben französischen auch europäische Flaggen schwenkte.

Macrons Erbe bröckelt

Macron gewann 2017 mit einem zentristischen Reformprogramm, das wirtschaftlich marktfreundlich und gesellschaftlich liberal war. Auch 2022 holte er fast 60 Prozent der Stimmen, begünstigt durch den Ukrainekrieg und die Sorge vor dem Rassemblement National. Doch seine Wählerschaft war nie homogen. Eine Studie des Institut Jean-Jaurès zeigt, dass nur noch gut ein Drittel der Macron-Wähler von 2022 bereit ist, erneut die Mitte zu unterstützen. Zwei Drittel tendieren inzwischen zur Linken, Rechten oder zur Enthaltung.

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Das Dilemma: Zwei Kandidaten der Mitte

Neben Attal strebt auch Édouard Philippe, ein weiterer Ex-Premierminister, nach dem Präsidentenamt. Philippe, Bürgermeister von Le Havre und Vorsitzender der Partei Horizons, setzt auf Staatsmodernisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Haushaltsdisziplin. Beide werben um dieselben Wähler. Laut einer Umfrage von Toluna Harris Interactive würden derzeit jedoch Jordan Bardella (Rassemblement National) und Jean-Luc Mélenchon (La France Insoumise) in den zweiten Wahlgang einziehen. Das Mitte-Lager müsste sich also auf einen Kandidaten einigen, um 2027 relevant zu bleiben.

Informelle Absprachen und Vorwahlen

Attal und Philippe sollen sich verständigt haben, einander nicht frontal anzugreifen. Laut „Le Figaro“ gibt es eine informelle Absprache: Wer Anfang 2027 in den Umfragen zurückliegt, verzichtet zugunsten des anderen. Eine Vorwahl ist im Gespräch, doch Philippe lehnt dies ab, während Attal offen dafür ist. Politikwissenschaftlerin Jeanette Süß vom Ifri betont: „Wenn Philippe allein antreten würde, hätte er eine realistische Chance auf den zweiten Wahlgang. Attal würde eher ausscheiden.“

Folgen für Europa und Deutschland

Ein Sieg der Ränder hätte weitreichende Konsequenzen. RN-Chef Bardella fordert, französisches Recht über europäisches zu stellen, EU-Beiträge zu senken und Schengen auszuhöhlen. Auch die linke La France Insoumise will mit EU-Regeln brechen. Für Deutschland wäre das ein schwerer Schlag, da die deutsch-französische Achse das Rückgrat der EU bildet. Die Mitte ist nicht chancenlos, aber sie muss sich schnell einigen, um eine offene Einladung an die extremen Kräfte zu verhindern.

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