Urlauber, die in diesen heißen Julitagen am Ufer des Gardasees spazieren gehen, bemerken die Veränderungen mit bloßem Auge: Das Wasser zieht sich vielerorts vom Ufer zurück, Steine und Kiesbänke treten hervor, die Hitze flimmert über der Oberfläche. Was für Touristen noch wie die Folge eines besonders heißen Sommers aussieht, ist für Wasserexperten längst ein Warnsignal: Norditalien steuert auf eine dramatische Lage zu – und der Gardasee steht stellvertretend für eine Entwicklung, die den gesamten Norden Italiens erfasst.
Hitzewelle 2026: Rekordtemperaturen und extreme Verdunstung
Die Hitzewelle Ende Juni und Anfang Juli 2026 hatte Europa fest im Griff, in zahlreichen Ländern wie Deutschland und Frankreich wurden Hitzerekorde über 40 Grad gebrochen. Auch in Italien sorgte die extreme Hitze für Rekordtemperaturen. Wie die italienische Tageszeitung „L’Arena“ meldet, summieren sich die täglichen Wasserverluste des Gardasees durch Verdunstung auf rund 7,4 Milliarden Liter Wasser. Bei einer Seefläche von 370 Quadratkilometern und Temperaturen über 33 bis 34 Grad können laut der Zeitung bis zu zwei Zentimeter Wasser pro Tag von der Oberfläche verdunsten.
Weitere Gewässer in Norditalien betroffen
Die Auswirkungen sind auch woanders massiv: Der Fiume Po, der längste Fluss Italiens, führt rund 80 Prozent weniger Wasser als im langjährigen Durchschnitt. Auch andere große Seen verzeichnen ungewöhnlich niedrige Pegel. Der Lago Maggiore ist nur noch zu rund 40 Prozent gefüllt, der Comer See zu 41 Prozent, der Iseo-See zu 35 Prozent. In der mittelitalienischen Region Umbrien musste auf dem Trasimeno-See der Schiffsverkehr zur Insel Polvese zeitweise eingestellt werden, weil der Wasserstand zu niedrig für den Fährverkehr war.
Gardasee rückt besonders in den Fokus: Erinnerung an Dürrejahre 2022 und 2023
Wie schon in den Dürrejahren 2022 und 2023 gerät besonders der Gardasee in den Fokus. Damals war das riesige Wasserreservoir verstärkt zur Regulierung genutzt worden, um insbesondere den Wasserbedarf in der Po-Ebene zu decken. Es kam dadurch zu heftigen Folgen für Schifffahrt, Tourismus und für das Ökosystem. Ein Grund ist der mangelnde Schnee: Während früher meterhohe Schneedecken in den Alpen über Monate hinweg als natürlicher Wasserspeicher dienten, fällt heute deutlich weniger Schnee.
Experten warnen: „Früher war der Schnee unsere Infrastruktur“
„Früher war der Schnee unsere Infrastruktur“, sagt Massimo Gargano, Generaldirektor des italienischen Verbands der Bewässerungs- und Bodenverbände (Anbi) gegenüber der Tageszeitung „La Stampa“. Im Norden habe man jahrzehntelang kaum große Speicherbecken benötigt. Die Schneemassen des Winters hätten sich langsam aufgebaut und seien im Frühjahr nach und nach geschmolzen. „Heute fällt der Schnee oft erst im Januar oder Februar und schmilzt wegen der Hitze sofort wieder. Uns fehlen die Anlagen, um dieses Wasser aufzufangen“, betonte Gargano. Dabei ist die Krise nicht allein auf ausbleibenden Regen zurückzuführen. Niederschläge habe es durchaus gegeben, betont Gargano.
Norditalien hat größere Probleme als der Süden
Ein weiteres großes Problem sei der Umgang mit dem Wasser. Von den rund 30 Milliarden Kubikmetern Wasser, die jährlich in Italien genutzt werden, verbrauche die Landwirtschaft etwa zwölf Milliarden Kubikmeter. Ein großer Teil gelange zwar wieder in den Wasserkreislauf. Zunehmend gingen jedoch erhebliche Mengen durch Verdunstung verloren – ein Effekt, der sich mit jeder Hitzewelle weiter verstärke. Besonders überraschend ist dabei, dass inzwischen ausgerechnet Norditalien größere Probleme hat als viele Regionen im Süden. Dort wurde in den vergangenen Jahrzehnten massiv in Wasserreservoirs und Bewässerungssysteme investiert. Nach Angaben von Anbi profitieren Regionen wie Apulien, Basilikata, Sardinien und Molise heute von diesen Maßnahmen. Allein im Rahmen des italienischen Wiederaufbauplans wurden zuletzt 258 Wasserprojekte abgeschlossen. Rund 1,6 Milliarden Euro flossen in die Modernisierung der Infrastruktur. Dadurch können nach Angaben des Verbands etwa 1,5 Milliarden Kubikmeter Wasser zusätzlich gespeichert oder eingespart werden.
Sinkende Wasserstände am Gardasee bergen große Gefahr
Im Norden dagegen vertraute man lange auf die Natur. Schnee übernahm kostenlos die Funktion eines riesigen Wasserspeichers. Doch dieses Modell funktioniert unter den veränderten Klimabedingungen nicht mehr. Deshalb fordert Anbi nun einen grundlegenden Kurswechsel. Gemeinsam mit dem Bauernverband Coldiretti liegt ein Investitionsplan von über 7,3 Milliarden Euro auf dem Tisch. Vor allem im Piemont, der Lombardei und im Triveneto sollen neue Speicherbecken entstehen. Ziel ist es, künftig rund 40 Prozent des Regenwassers aufzufangen. Bislang werden lediglich etwa elf Prozent gespeichert. Auch die Umweltorganisation Legambiente drängt auf schnelles Handeln. Sie fordert unter anderem ein besser abgestimmtes Wassermanagement, weniger Flächenversiegelung, einen Ausbau der Wasseraufbereitung sowie zusätzliche Mittel für den nationalen Klimaanpassungsplan.
Für den Gardasee ist die Entwicklung weit mehr als eine Frage des Landschaftsbildes. Sinkende Wasserstände gefährden Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Schifffahrt, Fischbestände und Tourismus gleichermaßen. Die Experten sind sich einig: Die schneereichen Winter, auf die sich Norditalien jahrzehntelang verlassen konnte, werden nicht zurückkehren. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob sich das Klima verändert hat – sondern ob das Land seine Wasserwirtschaft schnell genug an die neue Wirklichkeit anpassen kann.



