Die Belastung durch Feinstaub aus der Sahara hat in weiten Teilen Europas zugenommen. Besonders betroffen ist Südeuropa, wo die Werte etwa 2,5-mal höher liegen als im Rest des Kontinents. Das geht aus einer Studie hervor, die im Fachjournal „Nature“ veröffentlicht wurde. Ein internationales Forschungsteam um Petros Vasilakos und Kaspar Dällenbach vom Paul Scherrer Institut in der Schweiz wertete mehr als 18.000 Feinstaub-Messungen von über 100 Standorten in Europa für die Jahre 2012 bis 2021 aus. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellten sie ein Modell für den gesamten Kontinent.
Staubkonzentration in Südeuropa besonders hoch
Die täglichen Wüstenstaub-Werte für PM10 – Partikel mit einem Durchmesser unter 10 Mikrometern – lagen in Nord- und Mitteleuropa bei durchschnittlich knapp 2,1 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Südeuropa hingegen bei fast 5,3 Mikrogramm. Im Untersuchungszeitraum stieg die Staubmenge um etwa 0,5 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Italien, der Ägäis und im Adriaraum sogar um gut 0,7 Mikrogramm. „Das entspricht einer Zunahme von 10 bis 25 Prozent dieser Staubbelastung“, sagt Studienleiter Dällenbach. „Sowohl für die Effizienz und Wirtschaftlichkeit großer Solaranlagen als auch hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen erhöhter Feinstaubbelastung ist das nicht zu vernachlässigen.“
Intensivere Stürme transportieren mehr Staub
Erstautor Vasilakos erklärt, dass sich die Zahl der Stürme nicht erhöht habe, sie aber intensiver geworden seien. „Dadurch transportieren sie heute mehr Staub nach Europa als früher.“ Pro Jahr gab es in Südeuropa – einschließlich Spanien – etwa 46 Tage mit hohen Staubwerten um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. An solchen Tagen stieg die Staubkonzentration in der Adria, der Ägäis und Teilen des Balkans während des Jahrzehnts um 1,4 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Süditalien sogar um 2,7 Mikrogramm.
Langfristige Zunahme in den Alpen
Analysen von Eisbohrkernen aus dem Monte-Rosa-Massiv im Grenzgebiet von Italien zur Schweiz ergaben, dass die Ablagerung von Saharastaub in den Alpen in den vergangenen rund 150 Jahren um 110 Prozent zugenommen hat – mehr als eine Verdopplung. Die Forscher konzentrierten sich bei ihren Messungen auf Metalle und Halbmetalle wie Aluminium, Titan, Silicium, Calcium und Eisen. Besonders Aluminium und Titan sind typisch für transportierten Wüstenstaub und stammen weniger aus anderen Quellen wie Verkehr oder Bauarbeiten. „Durch chemische Analysen können wir die Herkunft des bodennahen Feinstaubs daher sehr gut bestimmen“, wird Vasilakos zitiert.
Gesundheitliche Folgen für Risikogruppen
Die Forscher schätzten auch die kurzfristigen gesundheitlichen Auswirkungen ab: Die Mortalität, etwa durch Herzinfarkte und Atemprobleme, steige kurzfristig um 0,67 Prozent. Die Hospitalisierungsrate aufgrund von Atemwegsbeschwerden nehme bei Menschen ab 15 Jahren um 0,73 Prozent zu, bei jüngeren jedoch um knapp 2,5 Prozent. Dies unterstreiche die Folgen für vulnerable Bevölkerungsgruppen.
Ursachen: Austrocknung der Sahara und veränderte Luftströmungen
Als Ursache für den Trend sehen die Forscher die zunehmende Austrocknung der Sahara sowie vermehrte Luftströmungen aus dieser Region nach Europa. „Inwieweit der menschengemachte Klimawandel diese Entwicklung mitverursacht hat und ob er sie weiter verstärkt, ist noch nicht abschließend geklärt“, sagt Dällenbach. „Unser derzeitiges Verständnis legt jedoch nahe, dass die Zunahme des Wüstenstaubs durch die Treibhausgasemissionen des Menschen und die damit verbundene Klimaerwärmung zumindest begünstigt wird. Dadurch wird es in bestimmten Regionen trockener und die Wüsten breiten sich aus.“



