Der Tag, der alles veränderte
Vielleicht ist es ja ein Feuerwerk. Oder einfach nur ein schrecklicher Scherz, dachte Miriam Einangshaug zunächst an jenem Nachmittag im Juli 2011, der ihr Leben für immer verändern sollte. Noch roch die ganze Insel Utøya nach nassem Gras, es hatte die Nacht in Strömen geregnet. Die Norwegerin erinnert sich auch eineinhalb Jahrzehnte später an die Geräusche: Wieder und wieder knallte es. Fast 300 Schüsse muss das damals 16 Jahre alte Mädchen gehört haben, rein rechnerisch alle 15 Sekunden einen.
„Wir saßen da und warteten, hörten Schreie, versuchten, die Schüsse zu zählen“, sagt Einangshaug heute. „Aber es war unmöglich, es waren so viele.“ Die Anschläge in Oslo und auf Utøya waren die tödlichsten in Norwegens Geschichte. 77 Menschen starben, viele wurden verletzt. Die Überlebenden tragen bis heute an den seelischen und körperlichen Narben.
Der sicherste Ort der Welt wird zur Todesfalle
Die Insel Utøya, das dachten an diesem Tag viele Kinder und Jugendliche, sei der sicherste Ort der Welt. Dass der Terror ihr sozialdemokratisches Sommercamp erreichen konnte, schien vielen undenkbar. Doch der rechtsextreme Attentäter Anders Behring Breivik tötete dort 69 Menschen, nachdem er in Oslo eine Bombe gezündet hatte, die acht Menschen das Leben kostete.
Miriam Einangshaug und ein weiterer Überlebender, der anonym bleiben möchte, berichten von der Panik und der Hilflosigkeit. „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ist, zu sterben“, sagt Einangshaug. „Aber in diesem Moment war ich mir sicher, dass ich sterben würde.“ Sie versteckte sich hinter Felsen und im Gebüsch, während die Schüsse immer näher kamen.
Die Angst bleibt
15 Jahre später fühlen sich beide Überlebenden noch immer bedroht. Der anonyme Überlebende erklärt: „Die Bedrohung ist nicht vorbei. Rechter Terror ist immer noch präsent, auch in Norwegen.“ Er berichtet von Albträumen und Angstzuständen, die immer wiederkehren. Miriam Einangshaug hat gelernt, mit der Erinnerung zu leben, aber sie vermeidet bestimmte Orte und laute Geräusche.
Die norwegische Gesellschaft hat nach den Anschlägen einen Wandel durchgemacht. Die Regierung verstärkte die Sicherheitsmaßnahmen und förderte den Dialog gegen Extremismus. Doch die Überlebenden kritisieren, dass die psychologische Unterstützung nicht ausreichend sei. „Viele von uns haben jahrelang gekämpft, um Hilfe zu bekommen“, sagt Einangshaug.
Ein Appell an die Zukunft
Beide Überlebende wollen, dass die Erinnerung an die Opfer wach bleibt und sich so etwas nie wiederholt. „Wir müssen wachsam sein und gegen Hass und Extremismus kämpfen“, appelliert der anonyme Überlebende. Miriam Einangshaug fügt hinzu: „Ich hoffe, dass die jungen Menschen von heute verstehen, wie zerbrechlich der Frieden ist.“
Die Anschläge vom 22. Juli 2011 haben Norwegen tief geprägt. Die Überlebenden mahnen, dass die Demokratie verteidigt werden muss – jeden Tag aufs Neue.



