Bei einem erneuten russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew sind in der Nacht zum Dienstag 15 Menschen getötet worden. Der Rettungsdienst meldete zudem 27 Verletzte. Unterdessen hat Nordkorea nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes eine Raketeneinheit nach Westrussland verlegt, die für Angriffe auf die Ukraine eingesetzt werden könnte. Russland meldete derweil die Beschädigung von drei Frachtschiffen nahe der Hafenstadt Odessa.
Nordkorea verlegt Raketeneinheit nach Westrussland
Eine nordkoreanische Raketeneinheit hat dem ukrainischen Geheimdienst zufolge mit der Verlegung in den Westen Russlands begonnen und könnte für Angriffe auf die Ukraine eingesetzt werden. Die Einheit könne mit 120 ballistischen Raketen und sechs Startrampen ausgerüstet werden, erklärte Andrij Tschernjak vom Militärgeheimdienst. Demnach plant Russland, die rund 90 nordkoreanischen Soldaten in der westrussischen Region Woronesch zu stationieren.
Russland hat seit Ende 2023 bereits zahlreiche nordkoreanische Raketen auf die Ukraine abgefeuert. Die Entsendung einer eigenen Einheit wäre eine Ausweitung der ohnehin umfassenden militärischen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Sie hatten 2024 einen gegenseitigen Verteidigungspakt unterzeichnet. Ukrainischen Angaben zufolge hat Nordkorea zudem Millionen Artilleriegranaten geliefert und 14.000 Soldaten in die russische Region Kursk entsandt.
Russland: Drei Frachter nahe Odessa beschädigt
Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau in der Nähe der ukrainischen Hafenstadt Odessa drei Frachtschiffe beschädigt. Zudem seien in Kiew und Umgebung mehrere Logistikzentren und Versorgungseinrichtungen angegriffen und beschädigt worden. Sie seien für militärische Zwecke genutzt worden, teilte das Ministerium mit.
Ukrainische Angaben zufolge sind seit fast zwei Wochen keine Schiffe mehr in die Häfen rund um Odessa eingelaufen. Die direkten Verluste für den ukrainischen Agrarsektor könnten sich in diesem Jahr auf 1,5 bis drei Milliarden Dollar belaufen, sagte Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj der Nachrichtenagentur Reuters. Die Ukraine müsse verstärkt auf alternative Exportrouten ausweichen, die jedoch frühestens Ende August die erforderliche Kapazität erreichen und nur rund die Hälfte der bisherigen Ausfuhrmengen bewältigen könnten.
Wildberries-Lager in Tula brennt nach Drohnenangriff
In der russischen Region Tula ist nach Angaben des Gouverneurs bei einem ukrainischen Drohnenangriff ein Logistikzentrum des Online-Händlers Wildberries in Brand geraten. Ein Mensch sei verletzt worden, teilte Dmitri Miljajew auf Telegram mit. Der russische Marktführer Wildberries bestätigte den Angriff. Die Beschäftigten seien in Sicherheit gebracht worden, die Lieferströme würden umgeleitet.
Die ukrainischen Streitkräfte haben seit Mitte Juli mehr als ein Dutzend Anlagen von Wildberries mit Drohnen angegriffen und zum Teil erheblich beschädigt. Miljajew zufolge wurden zudem zwei Industrieanlagen in der Stadt Nowomoskowsk und im Gebiet Uslowaja sowie zwei Wohnhäuser in einem anderen Teil der Region Tula beschädigt. Auch in der Region Samara brannte ein Wildberries-Lager nach einem Angriff vollständig aus.
Kiew: 14 Tote und 27 Verletzte bei Raketenangriff
In der ukrainischen Hauptstadt Kiew sind nach Angaben des Rettungsdienstes 14 Menschen getötet worden. 27 weitere Menschen seien verletzt worden, teilte der Rettungsdienst auf Telegram mit. Zudem seien mehrere Lagerhäuser in der Region um Kiew bei dem Luftangriff in der Nacht beschädigt worden. Bürgermeister Vitali Klitschko hatte zuvor von einem Angriff mit ballistischen Raketen berichtet, die Luftabwehr sei im Einsatz gewesen.
Russland hat nach eigenen Angaben in der Nacht 320 ukrainische Drohnen abgefangen und zerstört. Betroffen gewesen seien 19 Regionen. Wie viele gegnerische Drohnen entdeckt wurden oder ihr Ziel erreicht haben, teilte Russland nicht mit. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Fesco stoppt Schwarzes-Meer-Geschäft nach Schiffsuntergang
Der russische Logistik- und Schifffahrtskonzern Fesco nimmt nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf eines seiner Schiffe keine neuen Frachtaufträge für das Schwarze Meer mehr an. Die „Janina“ sei in der Nacht zum Samstag durch ukrainische Seedrohnen beschädigt worden und gesunken, teilte der staatliche russische Atomkonzern und Fesco-Eigentümer Rosatom mit.
Russland meldete zudem Angriffe auf sieben Frachtschiffe im ukrainischen Hafen Mykolajiw und im Schwarzen Meer. Diese würden „im Interesse des ukrainischen Militärs“ genutzt, teilte das Verteidigungsministerium mit. Unabhängig überprüfen lassen sich solche Angaben nicht.
Polen fängt russischen Aufklärer ab
Die polnische Luftwaffe hat nach Regierungsangaben bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Tage ein russisches Aufklärungsflugzeug über der Ostsee abgefangen. Der russische Aufklärer vom Typ Il-20 sei 56 Kilometer nordöstlich von Koszalin unterwegs gewesen, schrieb Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz auf der Plattform X. Dort hätten ihn zwei polnische Kampfjets abgefangen. Der polnische Luftraum sei nicht verletzt worden, hieß es aus dem Verteidigungsministerium.
Bereits am Montag und am vergangenen Freitag war es zu ähnlichen Vorfällen gekommen. Die russischen Erkundungsflüge vor der Küste des Nato-Mitglieds Polen hatten laut Warschauer Angaben zuletzt wieder zugenommen. „Russland führt erneut provokative Aktionen in der Nähe der Grenzen der Nato-Staaten durch und testet damit die Wachsamkeit und Einsatzbereitschaft der Verteidigungssysteme des Bündnisses“, sagte Kosiniak-Kamysz.
Vier Tote bei Schüssen auf der Krim
Ein Soldat hat auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim das Feuer auf Kameraden und Zivilisten eröffnet und vier Menschen getötet. Vier weitere Menschen seien verletzt worden, teilte der von Moskau eingesetzte Gouverneur von Sewastopol, Michail Raswoschajew, mit. Der Vorfall ereignete sich im Dorf Chmelnyzke. Der Schütze wurde festgenommen. Zu einem möglichen Motiv machte Raswoschajew keine Angaben.
Bei ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Lagerhallen sind nach offiziellen Angaben in der Nacht zum Dienstag fünf Menschen ums Leben gekommen. In der Region Moskau habe eine Drohne in der Stadt Tschechow ein Lagerhaus in Brand gesetzt sowie ein Umspannwerk und ein weiteres Gebäude beschädigt, sagte Gouverneur Andrei Worobjow. Bei zwei weiteren Attacken in der Nähe von St. Petersburg und im Gebiet Twer wurden Einrichtungen des Online-Händlers Wildberries getroffen.
Russland baut LNG-Schattenflotte aus
Die russische Schattenflotte aus Gastankern für den LNG-Transport hat sich im Vorfeld des EU-Verbots von russischem Erdgas ab 2027 vergrößert. Wie die „Financial Times“ berichtet, hat Moskau im vergangenen halben Jahr mindestens acht gebrauchte Tanker gekauft. Hinzu kommen zwei in Russland neu gebaute Tanker. Damit steigt die Flottenstärke auf 25 Schiffe an, schreibt die FT unter Berufung auf Daten des Schifffahrtsdatenunternehmens Windward.
Durch die Vergrößerung der Flotte soll es Russland auch ab 2027 weiterhin möglich sein, russisches Erdgas in die EU zu verschiffen. Ein ähnliches Vorgehen war bereits bei der russischen Öltanker-Schattenflotte zu beobachten: Diese soll bereits mehr als 1000 Schiffe umfassen, die abseits westlicher Versicherungen und Vorschriften unterwegs sind. LNG-Tanker sind komplexere Schiffe als Öltanker und verlangen spezifische Infrastruktur, etwa für die Kühlung des Erdgases.
Ukraine warnt vor Einbruch der Getreideexporte
Wegen der massiven russischen Angriffe auf ukrainische Schwarzmeerhäfen muss die Ukraine verstärkt auf alternative Exportrouten für ihr Getreide ausweichen. Diese dürften jedoch frühestens Ende August die erforderliche Kapazität erreichen und lediglich rund die Hälfte der bisherigen Ausfuhrmengen bewältigen, sagte Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj. Als wichtigste Ausweichroute gilt der Schienenverkehr, da die Schifffahrt auf der Donau wegen historisch niedriger Wasserstände stark eingeschränkt ist.
Für die ukrainischen Landwirte bedeuten die alternativen Wege zusätzliche Kosten von 45 bis 50 Dollar pro Tonne. Zudem seien die Preise für Getreide und Ölsaaten im Inland bereits um durchschnittlich 30 Prozent eingebrochen, erklärte Wyssozkyj. Die Entwicklung bedrohe auch die globale Ernährungssicherheit. Er rief die Verbündeten auf, bei der Sicherung des Schwarzen Meeres zu helfen.
Türkei fordert Sicherheit im Schwarzen Meer
Die Türkei fordert Russland und die Ukraine auf, Maßnahmen zur Gewährleistung der Schifffahrtssicherheit im Schwarzen Meer zu ergreifen. Ankara sei zutiefst besorgt darüber, dass trotz „all unserer Warnungen“ zivile Schiffe im Schwarzen Meer ins Visier genommen würden, teilte das türkische Außenministerium mit. Zuvor war ein türkisches Schiff in der Nähe des russischen Hafens Noworossijsk von einer Drohne angegriffen worden, drei Besatzungsmitglieder wurden schwer verletzt.
In der Nähe von St. Petersburg hat eine Drohne einen Brand in einem Verteilzentrum des russischen Lebensmittelhändlers Lenta verursacht. Ein Mensch sei verletzt worden, das Feuer sei gelöscht. Finnland hat als Reaktion auf den jüngsten Angriff bei St. Petersburg im östlichen Finnischen Meerbusen eine vorübergehende Flugverbotszone eingerichtet, wie die finnischen Streitkräfte mitteilten.
Ex-Militärchef: Nato-Beitritt der Ukraine ausgeschlossen
Der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, Walerij Saluschnyj, sieht keine Aussicht auf einen Nato-Beitritt seines Landes. „Leider werden wir niemals wirklich beitreten“, wurde der jetzige Botschafter in Großbritannien am Montag vom Medium „Evropeiska Pravda“ zitiert. Er habe dies bei einem Treffen ukrainischer Botschafter gesagt. „Ich kenne die Nato sehr gut. Etwa zwölf Jahre lang habe ich persönlich daran gearbeitet, sicherzustellen, dass wir die Nato-Standards erfüllen, und jedes Jahr habe ich Märchen darüber gehört, wie wir jeden Tag der Nato beitreten würden.“
Saluschnyj begründete seine Einschätzung damit, dass die Ukraine die militärischen Standards für einen Beitritt in keiner Weise erfülle. Es sei „unmöglich, mit dem Entwicklungsstand der ukrainischen Streitkräfte ... einer Organisation beizutreten, die sich von Doktrinen des Zweiten Weltkriegs leiten lässt“. Dem Land fehle die Technologie, die in den Nato-Mitgliedstaaten bereits im Einsatz sei, darunter Raketenabwehr und Weltraumfähigkeiten.
Selenskyj entlässt Botschafterin in Washington
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Botschafterin in den USA, Olha Stefanischyna, von ihrem Amt entbunden. Das Präsidialamt in Kiew veröffentlichte den Erlass. Die frühere Vizeministerpräsidentin Stefanischyna schrieb auf Facebook, sie habe selbst um ihre Entlassung gebeten. Mit Berichten über eine mögliche Ablösung hatte Mitte Juli Selenskyjs jüngste Regierungsumbildung begonnen. Nachfolgerin hätte demnach die abgelöste Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko werden sollen, die den Posten aber Medienberichten zufolge abgelehnt hat.



