Abdul Ballout: Vom Schulkind zum CSD-Attentäter – Behördenversagen?
Abdul Ballout: Vom Schulkind zum CSD-Attentäter

Schon in der 1. Klasse einer Grundschule in Berlin-Tiergarten fiel Abdul Ballout durch extreme Aggressivität auf. Die Lehrkräfte kämpften mit dem Jungen, der mehrfach vom Unterricht suspendiert wurde – ein äußerst seltenes Vorgehen bei Sechsjährigen. Auch in der Nachmittagsbetreuung gab es Konflikte. Die Schule empfahl eine psychologische Diagnostik und schaltete das Jugendamt ein. Die Schulhilfekonferenz befasste sich mehrfach mit Abdul. Anfangs schrieb er noch Noten im Zweier- und Dreierbereich, doch die Leistungen fielen rapide ab. Zweimal wechselte er die Grundschule. Diese Details gehen aus Vermerken von Jugendamt und Schulbehörde hervor, die unserer Redaktion vorliegen.

Schulverweigerung und psychiatrische Intervention

Auf der weiterführenden Schule wurde Abdul Ballout in ein Förderzentrum eingewiesen. Das Lernen fiel ihm schwer, aber vor allem seine emotionale Instabilität war auffällig. Er wurde zum Schulverweigerer, auf seinen Zeugnissen standen fast nur noch Sechsen. Die Behörden versuchten zweimal, ihn in Schulersatzprogrammen unterzubringen. Auch eine Einweisung in die Psychiatrie wurde erwogen, doch die Eltern verweigerten die Zustimmung. „Insgesamt war ein zunehmender Radikalisierungsprozess seit dem Jahr 2021 festzustellen“, sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses.

Abdul Ballout wuchs in einer schiitischen Familie auf, wandte sich jedoch dem sunnitischen Islam zu, auf den sich auch der „Islamische Staat“ und Salafisten berufen. Seine Feindbilder waren Schiiten, „Ungläubige“, der Westen, Juden und Homosexuelle. Er besuchte Moscheen, verteilte Korane und missionierte im Internet für eine brutale Ideologie. Er plante, zum IS auszureisen – zunächst nach Mauretanien, dann nach Syrien. Im Sommer 2024 reiste er in den Libanon, um von dort weiterzukommen, wurde aber von libanesischen Sicherheitskräften festgenommen. Nach drei Monaten Haft und einem Prozess schoben ihn die Behörden nach Deutschland ab.

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Überwachung und Haft – aber kein Halt

Nach seiner Rückkehr kam Ballout in Untersuchungshaft. Im Mai 2025 stand er vor dem Amtsgericht Tiergarten wegen der Planung schwerer staatsgefährdender Straftaten. Nach seiner Freilassung leitete die Polizei „engmaschige Maßnahmen“ ein, wie Spranger erläuterte: Gefährdungsansprachen, Kontaktgespräche, verdeckte Maßnahmen und Observation. Vor seiner Wohnung in Berlin-Tiergarten installierte die Polizei sogar eine Kamera. Ballout lebte dort mit seinen Schwestern und seiner Mutter. Seinen Job in einer Sicherheitsfirma verlor er; zuletzt lebte er von Sozialleistungen und Taschengeld. Eine nach islamischem Recht geschlossene Ehe mit einer Frau aus Salzburg zerbrach.

Die Ermittler fanden nach dem Anschlag DNA-Spuren von Ballout im Tatfahrzeug. Weitere relevante Spuren wurden nicht gesichert. Der Generalstaatsanwalt geht davon aus, dass Ballout den Wagen allein steuerte. Ballout selbst ist tot; er kann keine Aussagen mehr machen. Die Kriminalbeamten müssen nun klären, ob es Mitwisser in Deutschland oder im Ausland gab.

Der Anschlag beim CSD und die Versäumnisse

Am vergangenen Wochenende raste Abdul Ballout beim Christopher Street Day in Berlin mit einem gemieteten Auto in die Menschenmenge. Eine Frau starb, mehrere Personen wurden verletzt. Der Fall wirft die Frage auf: Warum konnte der Staat ihn nicht stoppen, obwohl er seit seiner Kindheit bekannt war? Das Jugendamt in Berlin-Mitte, das die Bewährungshilfe betreute, wusste offenbar nicht, dass Ballout bei der Polizei als „Gefährder“ eingestuft war. Ob diese Kenntnis etwas geändert hätte, bleibt ungewiss, da auch die Sozialarbeiter keine konkreten Anschlagspläne kannten.

Zwei Cousins von Ballout waren Mitglieder des IS, wie die „Zeit“ unter Berufung auf libanesische Sicherheitsakten berichtete. Der Vater der Cousins, Ballouts Onkel, ist der berüchtigte Dschihadist Omar Bakri Muhammad, der in London lebt und junge Islamisten rekrutiert haben soll. Laut Informationen unserer Redaktion hatte Ballout Kontakte zu Islamisten in Großbritannien. Ob er direkt mit seinen Cousins oder dem Onkel in Verbindung stand, ist unklar.

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Lehren aus dem Fall

Abdul Ballouts Weg zeigt, wie ein Mensch sich radikalisieren kann: frühe Aggressivität, schulische Misserfolge, familiäre Brüche – die Eltern trennten sich, als er Teenager war – und die Indoktrination durch die Islamistenszene. Die Behörden kannten viele Puzzleteile, aber sie fügten sie nicht rechtzeitig zusammen. Der Staat scheiterte letztlich daran, den Anschlag zu verhindern. Nun müssen Polizei und Geheimdienste prüfen, ob Informationen besser ausgetauscht und Risiken früher erkannt werden können. Für die queere Community und die gesamte Stadt bleibt die Frage: Wie sicher sind öffentliche Veranstaltungen noch? – Blumen, Kerzen und Regenbogenfahnen am Brandenburger Tor zeugen von der Trauer um die Opfer.