Am 3. Juli 2026 veröffentlichte das russische Präsidialbüro ein Video, das Wladimir Putin in einem militärischen Kommandoposten zeigt. Laut Kremlsprecher Dmitri Peskow verkündete Putin daraufhin die Einnahme der strategisch wichtigen ostukrainischen Stadt Kostjantyniwka, die unter hohen Verlusten für die ukrainischen Verteidiger erobert worden sei. Doch diese Behauptung entpuppt sich als Falschmeldung – einmal mehr eine, die die Frage aufwirft, ob Putin seine Entscheidungen über den Fortlauf des Krieges möglicherweise aufgrund von Fehlinformationen durch seine Militärs trifft.
Ukrainischer Offizier widerspricht Kreml: Stadt nicht vollständig eingenommen
Ein ukrainischer Offizier, der eine Kompanie in Kostjantyniwka befehligt, berichtete unserer Redaktion am Donnerstag, sechs Tage nach der Erfolgsmeldung des Kremls: „Unsere Truppen sind überall um mich herum, aber es sind auch Russen in der Stadt.“ Er widerspricht damit der Darstellung des Kremls. Die ukrainischen Streitkräfte hätten die Stadt weiterhin größtenteils unter Kontrolle. Diese Einschätzung deckt sich mit den Angaben des ukrainischen Generalstabs. Auch das russische Exilmedium „Meduza“ stellte klar: „Die russischen Streitkräfte haben Kostjantyniwka nicht vollständig eingenommen.“ Dennoch toben in der Stadt heftige Kämpfe.
Die russische Propaganda hatte die angebliche Einnahme mit Videos von Soldaten untermauert, die fahnenschwenkend in den Ruinen posierten. Der ukrainische Offizier kommentierte dies mit den Worten: „Sie versuchen, irgendwo mit ihrer Flagge aufzutauchen, ein Foto zu machen, und werden dann, wenn sie entdeckt werden, ausgeschaltet.“
Schwierige Lage an den Flanken: Ukrainische Verteidiger unter Druck
Der Offizier räumte ein, dass die ukrainischen Verteidiger unter enormem Druck stünden: „Natürlich verstärken sie ihre Truppen in Teilen der Stadt, insbesondere am Stadtrand von Kostjantyniwka. Die Lage an den Flanken ist schwierig, vor allem aus Richtung Torezk.“ Russische Soldaten, die in die Stadt eingedrungen sind, verstecken sich in Kellern, wo sie schwer zu entdecken seien. „Wenn wir sie finden, töten wir sie. Wenn nicht, kann das in einer Tragödie enden. So sieht die Lage aus.“ Zudem sei die ukrainische Logistik völlig zusammengebrochen. „Wir haben Verluste und Verwundete zu beklagen, aber es ist im Moment extrem schwierig, sie von hier zu evakuieren.“ Der Fall der Stadt scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.
Kostjantyniwka: Ein strategischer Schlüssel in der Region Donezk
Kostjantyniwka gilt als Teil des ukrainischen Festungsgürtels in der Region Donezk, die Putin im Herbst 2022 zu russischem Territorium erklärt hatte. Moskau fordert als Voraussetzung für einen Waffenstillstand oder Friedensschluss die kampflose Übergabe der noch nicht besetzten Teile der Region – eine Forderung, die die Ukrainer strikt ablehnen. Sollte die kleine Industriestadt an die Russen fallen, könnten sie von dort aus auf die nördlich gelegenen Großstädte Kramatorsk und Slowjansk vorstoßen. Die Einnahme von Kostjantyniwka wäre ein wichtiger Erfolg für die russischen Streitkräfte.
Muster der Falschmeldungen: Bereits Kupjansk fälschlich als erobert gemeldet
Die voreilige Erfolgsmeldung des Kremls passt in ein Muster. Bereits im November 2025 behauptete Moskau, die Stadt Kupjansk im Nordosten der Ukraine eingenommen zu haben. Wenig später vertrieben ukrainische Einheiten die russischen Infiltrationstrupps. Bis heute steht Kupjansk weitgehend unter ukrainischer Kontrolle. In der Vergangenheit wurden immer wieder Karten des russischen Generalstabs öffentlich, in denen der Frontverlauf deutlich beschönigt dargestellt wird.
Militärexperte: Putins Generäle täuschen ihn bewusst?
Es ist vielleicht der Versuch der russischen Generalität, Putin Sand in die Augen zu streuen, um sich vor dem Zorn des Despoten zu schützen. Tatsächlich machen die russischen Streitkräfte in diesem Jahr wenige Fortschritte, die sie zudem mit einem hohen Blutzoll bezahlen. Auch die russischen Materialverluste seien nach wie vor enorm hoch, so der österreichische Militärexperte Gustav Gressel: „Sehr viel wird jetzt zerstört, bevor es überhaupt an die Front kommt.“ Zudem gelinge es den Ukrainern immer effektiver, die russische Öl- und Gasproduktion durch Angriffe mit Marschflugkörpern und Langstreckendrohnen zu beschädigen. „Da stellt sich schon die Frage, worauf Putins eiserner Wille fußt, den Krieg fortsetzen zu wollen“, so Gressel.
Gressel ist überzeugt, dass Putin aus seinem Umfeld exakt die Berichte vorgelegt werden, die er hören will, und das nicht nur von Militärs. „Man muss davon ausgehen, dass ähnliche beschönigende und optimistische Lageberichterstattungen an Putin, auch im Bereich der Wirtschaft, der Finanzen, der Popularität des Regimes, der Kriegstüchtigkeit, ergehen“, so Gressel im Gespräch mit unserer Redaktion.
Fatale Folgen für Friedensverhandlungen: Putin glaubt an Sieg
Für mögliche Friedensverhandlungen könnten bewusste Fehlinformationen des Kremlherrschers fatale Folgen haben. Glaubt Putin an militärische Erfolge auf dem Schlachtfeld, könnte das seine Entschlossenheit stärken, keine Kompromisse einzugehen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet mit Verweis auf russische Quellen, dass Putin weiterhin die vollständige Kontrolle über die Region Donezk anstrebt und sogar eine mögliche Eskalation des Krieges wahrscheinlich sei. Verändert sich die militärische Lage nicht dramatisch, würde eine vollständige Eroberung der Region Donezk allerdings noch viele Monate, wahrscheinlich eher Jahre dauern.



