Knapp zehn Tage nach dem letzten schweren Angriff hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kyjiw erneut mit Raketen und Drohnen überzogen. In der Nacht zum Dienstag waren im Zentrum der Dreimillionenstadt heftige Explosionen zu hören. Viele Bewohner flüchteten sich in U-Bahn-Stationen und Luftschutzkeller. Kurzzeitig kam es zu Stromausfällen.
Wohnhaus eingestürzt, Opfer unter Trümmern befürchtet
Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte auf der Plattform Telegram, die Flugabwehr sei im Einsatz. Er sprach von mehreren Bränden, die teils durch herabfallende Trümmerteile abgeschossener Raketen verursacht wurden. Im Bezirk Podilskyj sei ein mehrstöckiges Wohnhaus eingestürzt. Es werde befürchtet, dass Menschen unter den Trümmern verschüttet seien, so Klitschko. In unterschiedlichen Angaben war von neun oder sogar 24 Stockwerken die Rede – wobei nicht restlos klar wurde, ob nicht auch zwei unterschiedliche Gebäude gemeint sein könnten. Anderswo habe ein Angriff die oberen Stockwerke eines 15-stöckigen Wohnhauses beschädigt, hieß es weiter.
Angriffe auch auf andere Großstädte
Angriffe mit Raketen und Drohnen wurden auch aus den Großstädten Charkiw, Dnipro und Saporischschja gemeldet. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf Behörden vor Ort, dass in Dnipro vier Menschen getötet und fünf verletzt worden seien. Unabhängig lassen sich diese Angaben derzeit nicht verifizieren. Der ukrainischen Luftwaffe zufolge setzte Russland bei seinen Attacken auch ballistische Raketen ein.
Polen alarmiert Luftabwehr
Im westlichen Nachbarland Polen erklärte das Militär auf der Plattform X, angesichts der russischen Angriffe in der Ukraine sei die Flugabwehr in Alarmbereitschaft, es seien Militärflugzeuge aufgestiegen. In Polen kommt es bei größeren Angriffen in der Ukraine immer wieder zur Alarmierung der Flugabwehr, manchmal steigen dabei auch Kampfjets von Nato-Partnern auf.
Selenskyj warnt vor weiterem Großangriff
Russland hatte Kyjiw erst vor knapp zehn Tagen massiv mit ballistischen Raketen und Drohnen angegriffen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte seit Ende vergangener Woche vor einem weiteren massiven russischen Luftangriff. „Die Information des Geheimdienstes über einen möglichen massiven Angriff bleibt aktuell“, sagte der Staatschef in einer Videobotschaft am Samstag. Er forderte die Ukrainer auf, Luftalarm nicht zu ignorieren.
Selenskyj wirbt trotz Angriffen für Gespräche
Zwar sei die ukrainische Flugabwehr in Bereitschaft, erklärte Selenskyj. Jedoch räumte er ein, dass fehlender Nachschub westlicher Verbündeter für die Abwehr von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern Probleme bereite. Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Hilfe gegen eine russische Invasion. Beide Kriegsparteien setzen dabei massiv Drohnen und Raketen gegen Ziele im Hinterland des Gegners ein.
Am Wochenende hatte sich Selenskyj in einem US-Fernsehinterview für Friedensgespräche mit Russland vor dem Winter ausgesprochen. In dem am Sonntag ausgestrahlten Gespräch mit dem Sender CBS warb er um die Unterstützung des US-Publikums und verwies auf eine verbesserte strategische Lage der Ukraine. „Es fing im Dezember 2025 an, Russland begann, die Initiative auf dem Schlachtfeld zu verlieren“, sagte Selenskyj in der Sendung „Face the Nation“. „Wir haben also jetzt diese Zeitspanne vor dem Winter ... vor dem Winter müssen wir einen Weg finden, einen diplomatischen Weg, uns zusammenzusetzen und zu sprechen.“



